Als ich dieser Tage auf der Straße, die zu dem großen Waldgebiet ostwärts von Orleans führt, das Autoradio anstelle, ist gerade von den Loisirs die Rede: vom Zeitvertreib. Erst handelt es sich um die Frage, ob Boule (das Kugelspiel, wie es unser "Altkanzler" treibt) ein Sport sei oder nur eine Belustigung. Forderung aus dem Radio: "Weg mit den Boule-Spielern vom Straßenrand! Errichten wir ihnen ein ‚Bouledrom‘!" Dann ist vom Fußball, vom Angeln die Rede und schließlich von der Jagd. (Draußen leuchten im Nachmittagslicht die Birken mit hellgelben Blättern, während andere Bäume schon entlaubt sind.)

En direct – so will es jetzt das Motto des Pariser Langwellen-Senders. Und das heißt: Aus den Fôrets d’Orleans wird unmittelbar die Szene übertragen, wie eine Jagdgesellschaft zur Chasse à courre aufbricht. Während Waldhorn-Klang mild erbraust, zählt der Reporter auf, wer da in diesem Augenblick zusammengekommen ist, um einen Hirschen zu jagen: Fünfzig Reiter in roten Röcken, eine Meute von zweihundert Hunden. Und ich denke an Mathias Claudius, der die Beschwerde vom "parforce-gejagten Hirsch" aufgesetzt hat, und daran, daß diese Art der Jagd, wobei nicht geschossen, sondern nur gehetzt, geritten wird, bei uns zu Lande verboten ist. (Während der Waldhorn-Klang im Radio verebbt, blitzen vor den Fenstern des Wagens hier und dort kleine Teiche und Seen auf, die von Fichten melancholisch umstanden sind.)

Aufforderung vom Pariser Studio an die Hörer: "Wir erbitten Ihren Telephonanruf! Wir wünschen zu wissen, ob Ihrer Ansicht nach der Hirsch vielleicht doch überleben sollte." Es folgt heitere Jagdmusik. Und es folgen Schlag auf Schlag die Telephonate.

Alte Leute, junge Leute, Männer, Frauen, Städter, Dörfler, alle, alle telephonieren: "Rettet den Hirsch!" Und dann wieder Jagdmusik. (Draußen sieht man Jäger einsam auf den Felden pirschen. Wer – so frage ich mich – rettet die Fasane?) Inzwischen meldet das Studio Paris, ein einziger Hörer habe angerufen, um allen zu widersprechen: Tod dem Hirsch, sagt er. Aber seine Gründe werde er nicht dem Funk mitteilen, sondern in einer Fachzeitschrift veröffentlichen. Und dann folgt – en direct – die Fortsetzung der Schilderung des Reporters aus dem Walde. Und die Hunde kläffen, und die Hörner brausen. Und die Pferde – ja, hat denn keiner Mitleid mit den Pferden, die da durch das Gebüsch und über dicke Baumwurzeln, über Hecken und Gräben galoppieren müssen? (Zarter Nebel hängt über den Bäumen.)

Das alles spielt sich in der Nähe des Städtchens Gien ab, zwanzig Kilometer entfernt. Und ich kenne den Waldsee, von dem der Radio-Reporter schließlich spricht: Die Reiter und ihre Meute haben den Hirsch ins Wasser gedrückt. Er wollte nicht schwimmen; . aber dann schwamm er doch; das Geweih hoch erhoben. Auf dem See ist ein Boot. Darin zwei Männer, die dem Tier entgegenrudern ... es packen. Der Reporter spricht vom "Hirschfänger". Aus. Und unablässig jubeln aus dem Radio die Waldhörner.

Bis das Studio Paris die Hörer ermahnt, nicht mehr anzurufen. Zu spät! Der Hirsch ist tot! Außerdem habe ein Tierarzt angerufen und mitgeteilt, es habe keinen Sinn, sich über das Wort "Fangstoß" aufzuregen. Denn wenn im Boot die Jagdgehilfen die Beute nicht mit "Hirschfängern" erledigt hätten – wie es die Regel verlangt –, wäre das edle Wild nach so langer Hetzjagd nicht weniger verloren gewesen. Crise cardiaque. Herzschlag ...

Der Sprecher im Studio dankt allen, die telephonisch für den parforce-gejagten Hirsch gebeten hatten, nicht ohne Hinweis auf das bekannte Wort: "Der Mensch ist gut."

In Gien, wo im Schloß auf dem Berg über der Loire das Internationale Jagdmuseum ist, waren schon die Lichter an. Das Städtchen lag still. Der Funk aus Paris sprach von einem anderen Zeitvertreib, der auch nicht zu verachten ist: vom Briefmarkensammeln...