Von Werner Richter

Virginia Cowles: The Kaiser; Collins, London; 446 Seiten, 45 sh.

Vrginia Cowles, eine in London lebende Amerikanerin ausgesprochen angelsächsischen Typs, hat sich daran gemacht, das Leben Wilhelms II. darzustellen, der zu seiner Zeit überall kurzweg "der Kaiser" hieß und zur Hälfte seines Wesens der binnenländisch und etwas hausbackenen deutschen Familie der Hohenzollern angehörte, zur andern aber der weltzugewandten anglisierten Linie des Hauses Koburg – eine, wie sich gezeigt hat, nicht eben glückliche Mischung.

Es ergibt sich aus der Herkunft der Autorin, daß diejenigen Teile ihres Werkes, die England betreffen, die wechselvollen Beziehungen zwischen dem Kaiser und der britischen Verwandtschaft, mit besonderer Sorgfalt und Verläßlichkeit ausgearbeitet sind: die eigentümliche Atmosphäre also um die alte Queen, die heute noch dem Wort "victorianisch" im angelsächsischen Sprachgebrauch einen Hauch abgestandener sentimentaler Idyllik verleiht, während gleichzeitig die Minister, Seeleute Und Soldaten der Königin kühl, sachlich und ohne überflüssigen Lärm das Empire erbauten. So daß es im Grunde kein Wunder ist, wenn der Kaiser, der sich damals in der englischen Familie vollkommen heimisch fühlte, auf den Gedanken kam, daß mit der gleichen ruhigen Selbstverständlichkeit, die er hier am Werke sah, auch das ererbte Bismarckreich um ein überseeisches Imperium bereichert werden könne.

Erst im Burenkrieg, in dem England auf unwartet schwere Widerstände traf, was sofort auf seine internationale Position ungünstig einwirkte, entstand die Bresche in den deutschenglischen Beziehungen, die sich nie wieder schloß, brach auch in Deutschland, jener populäre, bislang mehr unterirdische Englandhaß offen hervor, dessen Ursprünge noch immer unerforscht sind, der etwas von einer epidemischen Neurose hatte; "people in this country are mad" sagte der Prinz von Wales, als bei einer Reise nach Kronberg überall auf den Stationen mürrisch umherstehende Menschen beim Einlaufen des Zuges die Burenhymne zu singen begannen;

Diese Teile des Buches, in denen Virginia Cowles sich mit Deutschland beschäftigt, leiden darunter, daß sie anscheinend nur auf englischen oder ins Englische übersetzten deutschen Quellen beruhen und daß auch die Vertrautheit der Autorin mit kontinentaler Geschichte gering ist; so wird bei ihr etwa Friedrich Wilhelm IV., der geistreichste der Hohenzollernkönige, ein mürrischer alter Halbnarr, oder sie wiederholt die Legende, Hindenburg habe an den Masurischen Seen gesiegt, weil er jahrelang das Sumpfgelände ihrer Ufer studiert habe. Zahlreich, wenn auch üblich, sind Flüchtigkeitsfehler bei der Buchstabierung deutscher Namen.

Doch sind das Mängel, die den Wert des Buches kaum beeinträchtigen. Es bleibt eine ehrliche Bemühung um einen der schwierigsten und daher mißverständlichsten Charaktere neuerer Geschichte. Offenkundig ist die Autorin um einen maßvollen Ton bemüht, und ihre Erziehung läßt sie Gehässigkeiten vermeiden. Was allerdings die Verantwortung für den Krieg von 1914 angeht – eine Frage, deren Lösung sie, laut Umschlagklappe, angestrebt hat –, so kommt auch sie nicht über das hinaus, was allmählich allgemeine Meinung der Unparteiischen wurde: daß der Kaiser weit lieber im Frieden weitergelebt hätte, daß er aber den Frieden für am besten gesichert hielt, wenn er zu Wasser und zu Lande glänzende Kriegsinstrumente besaß und eine barsche, martialische Sprache führte, hinter der freilich keine Tatbereitschaft stand, sondern die ihn im Gegenteil davor schützen sollte, zu Taten gezwungen zu werden.