P. S., Bonn

Bundeskanzler Ludwig Erhard, Mieter des neuen Doppelbungalows im Park des Palais Schaumburg zu Bonn, kann sein Domizil jederzeit durch einen Notausstieg verlassen. Der Schutzraum der Kanzlerresidenz erfüllt die Voraussetzungen für den "Grundschutz", wie sie demnächst ein Gesetz für alle Bundesbürger vorschreiben wird: eine 30 Zentimeter dicke Betondecke, die geborstene Wände und stürzende Träger abfangen soll; ein Rohr für Frischluftzufuhr, falls der Aufenthalt unter Tag länger dauern sollte; einen Ausgang zur Erdoberfläche, der so weit vom Haus entfernt sein muß, daß er nicht durch Trümmer verschüttet werden kann.

Zu einem atomsicheren Luftschutzraum freilich hat es selbst für den Bundeskanzler nicht gereicht, weil die Kosten für einen kleinen Atombunker mehrere Hunderttausend Mark betragen hätten. Der Haushaltsausschuß bewilligte für die neue Kanzlerresidenz aber nur rund zwei Millionen Mark. Bauherr, die Bauabteilung des Schatzministeriums, und Architekt Sepp Ruf, der auch Erhards Tegernsee-Heim entwarf, hielten sich daran: 2 080 000 Mark kosten die beiden eingeschossigen Vierecke zwischen den hohen alten Bäumen hinter dem Amtssitz des Kanzlers. Heimstätten deutscher Botschafter im Ausland sind wesentlich teurer.

Der Umzug von der Schleichstraße 8 auf dem Venusberg, wo die Familie Erhard bisher vier mittelgroße Zimmer eines bundeseigenen Reihenhauses bewohnte, in die Koblenzer Straße ging schnell vonstatten. Da der Kanzler-Bungalow vom Geschirr bis zu den Vorhängen komplett ausgestattet ist, konnten Ludwig und Luise Erhard nur wenig privates Gut mitbringen – ein kleines schwarzes Ledersofa aus den ersten Ehejahren, persönliche Sammlerstücke wie griechische und römische Vasen, historische Waffen, Figurinen aus Nymphenburger Porzellan. Besonders zerbrechliche Stücke überließ Frau Erhard nicht den Packern; sie verstaute sie sorgsam auf der Hinterbank eines Kanzleramt-Mercedes. Das Gros des Mobiliars wird eingelagert oder an den Tegernsee transportiert. Denn wenn Ludwig Erhard einmal nicht mehr Kanzler sein wird, muß er sich wieder selber häuslich einrichten.

Die Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes atmet auf, denn der Regierungschef ist nun leicht zu bewachen: Von ihren Büros im Verwaltungstrakt des Kanzleramts sehen die Beamten auf den Bungalow hinab und sogar mitunter in die Räume ihres Schützlings hinein. Die Wände sind nämlich überwiegend aus Glas, das bis zum Boden reicht. Rolläden wurden nicht angebracht, doch kann sich Erhard hinter dichten Vorhängen verbergen. Eine dünne, graue Mauer trennt die Residenz vom Amtssitz; bei Erhards Palais-Mannschaft heißt diese triste Abgrenzung: "Denk immer an Berlin."

Der Kanzler kann nun endlich repräsentieren, ohne bei jedem größeren Anlaß ausweichen zu müssen, zum Beispiel in die Redoute nach Bad Godesberg. Das alte Regierungspalais besitzt nur zwei Räume, in denen sich kaum mehr als ein Dutzend Personen ohne Drängelei aufhalten kann: den großen Kabinettsaal und ein Vielzweckgemach, das als Sitzungsraum, Speisesaal, Besprechungs- oder Audienzzimmer dienen mußte. Gab der Kanzler ein "Frühstück", dann mußte der Saal umgeräumt werden.

Der unterkellerte Empfangsteil des Bungalows, der einen der beiden "quadratischen, gegeneinander versetzt angeordneten, verschieden großen eingeschossigen Atriumbauten" (Bauerläuterung des Kanzleramtes) bildet, erlaubt die Speisung von 22 bis 30 Personen und Cocktailpartys für mehr als 300 Gäste. Da einige gläserne Zwischenwände der Räume im repräsentativen Teil (Eingangshalle, Empfangsraum von 121 Quadratmetern, Bibliothek, Gesellschaftsraum, Musikzimmer, Speiseraum und Nebengelasse) versenkbar sind, gibt es genügend Ellbogenfreiheit.