CMG, Buenos Aires, im November

Für viele Argentinier ist 1964 das "Jahr der Rückkehr". Sie erwarten, daß Juan Domin Perón nach neun Exiljahren wieder zu seinem Volk kommt. Die Führer der Peronisten haben einen neuen Mythos um den Ex-Diktator gewoben. Seit die Armee den Diktator 1955 stürzte, hat keine Regierung die Unterstützung der Massen gewinnen können. "Argentinien ohne Peron, das ist wie ein Boot ohne Ruder", lautet die Parole der "kleinen Leute".

In seiner Luxusvilla bei Madrid übt der mittlerweile 69jährige Peron Macht aus – ohne Verantwortung zu tragen. Seine Anhänger gewinnen jede Wahl, zu der sie zugelassen werden. Die verzweifelten Bemühungen der Regierenden, den Mythos zu zerstören, hat ihn nur immer stärker werden lassen. Theoretisch droht jedem, der Lobeshymnen auf Peron singt, sechs Jahre Gefängnis; in den meisten Zeitungen wird er als "gestürzter Tyrann" und "Flüchtling vor dem Gesetz" apostrophiert. Aber der Anhang des Diktators wächst. Vor allem unter der Jugend, die Peron nur aus der Legende kennt. Diese Legende berichtet von dem jungen Offizier, den seine Geliebte 1945 an der Spitze einer Demonstration von Arbeitermassen aus dem Gefängnis befreite und zum Führer Argentiniens machte; der dann die "Descamisados", die Hemdlosen, am Überfluß des argentinischen Nachkriegs-Booms teilnehmen ließ.

In der Öffentlichkeit sprechen Peróns Vertraute von seinem "letzten Rendezvous mit der Geschichte", bezeichnen ihn als den "Apostel der nationalen Verständigung". In Privatgesprächen aber geben sie zu, daß sein Versprechen, noch in diesem Jahr zurückzukehren, nur einer plötzlichen emotionalen Regung entsprang.

In der peronistischen Führung verbindet sich Intellekt und Schwulst, Idealismus und Opportunismus. Der Mann an der Spitze der Bewegung heißt Augusto Vandor: ein unscheinbarer, aber geschickter Politiker, Generalsekretär der 250 000 Mitglieder starken Metallarbeitergewerkschaft. Der ehemalige Marinekorporal wurde schon von Peron als Nachfolger bestimmt. Aber er blieb im Hintergrund, bis er Andres Framini in diesem Jahr aus der Führung der mächtigen Gewerkschaftsbewegung verdrängte.

Framini – ein Mann mit Sonnenbrille, weißen Seidenhemden und einen starkem Hang zur Eitelkeit – ist Generalsekretär der Textilarbeiter. 1962 wurde er zum Gouverneur von Buenos Aires gewählt, durfte sein Amt aber nicht antreten. Er verbündete sich mit Castro-Anhängern und proklamierte die nationale Revolution. Seine Feindschaft mit Vandor spaltete die peronistische Bewegung.

Die Peronisten führen zur Zeit Geheimverhandlungen mit der Regierung Illia, der Kirche und den Militärs. Von Montevideo aus telephonieren sie ungestört mit Madrid. Einem Gerücht zufolge würde die Regierung dem Ex-Diktator gestatten, als Pensionär nach Argentinien zurückzukehren, wenn er bereit ist, sich politischer Aktivitäten zu enthalten. Nach einem anderen on dit wird er kommen, sich den Photographen stellen und nach Spanien zurückkehren. Eine dritte Version meint, er werde sich mit einer diplomatischen Krankheit entschuldigen – und gleich in Spanien bleiben. Sicher scheint nur, daß die Armee seiner Landung kaum untätig zusehen würde. Noch steht Peron auf den Fahndungslisten – wegen Verführung einer Minderjährigen.

"Die ganze Angelegenheit ist ein Abenteuer. Niemand von uns weiß, was morgen passieren wird", meinte einer seiner Leute. Was auch immer geschehen wird, ob Peron kommt oder nicht, dieses hoffnungslos gespaltene Land muß endlich mit einem Mythos fertig werden, der das Regieren unmöglich macht.