Liselotte Welskopf-Henrich, Professor für Geschichte an der Humboldt-Universität in Ostberlin, ist die Verfasserin eines breit angelegten, auf intimer Kenntnis der indianischen Volkskunde und Geschichte beruhenden Epos von Kampf und Untergang der Dakota-Indianer in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Seit den "Tecumseh"-Bänden Fritz Steubens, die in den dreißiger Jahren geschrieben sind, hat es bei uns keine annähernd so ernsthafte und – bei aller Abenteuerlichkeit des Geschehens – sachlich so hieb- und stichfeste historische Erzählung aus dem Indianerleben mehr gegeben. Deshalb kann man es nur begrüßen, daß sich der Union Verlag in Stuttgart dazu entschlossen hat, das sechsbändige Werk der Ostberliner Autorin nunmehr auch für die Bundesrepublik herauszubringen. Der erste Band dieser Ausgabe liegt bereits vor –

Liselotte Welskopf-Henrich: "Harka – der Sohn des Häuptlings"; Union Verlag, Stuttgart; 294 S., 12,80 DM.

Harka, der kluge und tapfere Indianerjunge, kennt nur ein Ziel: Er will später einmal ein ebenso berühmter Jäger und Krieger werden wie sein Vater Mattotaupa, der Kriegshäuptling der Bärenbande, einer Unterabteilung der Teton-Dakota. Nicht umsonst haben ihn seine Altersgenossen zum Anführer ihres Bundes der Jungen Hunde gewählt, denn jetzt schon erweist er sich bei den verschiedenartigsten Gelegenheiten als ein überaus furchtloser und gewandter Junge. Auf der Büffel- und der Bärenjagd bewährt er sich ebenso wie im nächtlichen Kampf gegen das Wolfsrudel, das über die Pferde des Dorfes hereingebrochen ist; und bei einem Überfall durch die feindlichen Pani gelingt es ihm sogar, eine der gefürchteten Zauberwaffen des weißen Mannes zu erbeuten: ein Schießgewehr. Mattotaupa ist stolz auf ihn. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß Harka die großen Erwartungen, die er in seine Zukunft setzt, nicht enttäuschen wird.

Das Leben der beiden verläuft in gewohnten, von altersher überkommenen Bahnen und Bindungen. Noch ahnen die beiden nicht, daß ihre Tage im wandernden Zeitdorf der Bärenbande gezählt sind. Da ist der Geheimnismann Hawandschita, der den jungen Harka mit unergründlichem Haß verfolgt, ihm zugleich Schrecken und Zweifel einflößend – Zweifel, die nicht dem Großen Geheimnis selbst gelten, dem sich, der Junge aus tiefstem Herzen verbunden weiß, sondern den Praktiken seines Dieners. Und da sind schließlich die reißen Männer, die sich gerade anschicken, den Pfad des Dampfrosses durch die Wildnis zu bauen: die Büffelschlächter mit ihren Feuerwaffen, die Abenteurer und Glücksritter, die auf der Suche nach Land und Gold in die Jagdgründe der Dakota eindringen.

Einer von ihnen, ein gewisser Red Jim, erschleicht sich mit eiskalter Berechnung das Vertrauen und die Freundschaft Mattotaupas. Er mit seinem "Geheimniswasser" ist schuld daran, daß der stolze Häuptling in den Verdacht gerät, ein Verräter geworden zu sein. Auf Betreiben des Zaubermannes wird Mattotaupa geächtet und muß ehr- und waffenlos in die Verbannung gehen.

Harka folgt ihm aus freien Stücken nach. In dem Augenblick, da er sich entschließt, das Los des zu Unrecht verurteilten Vaters zu teilen, löst er sich willentlich und im vollen Bewußtsein aller daraus entstehenden Konsequenzen aus dem Verband jener klaren und festgefügten Ordnungen, die sein gesamtes bisheriges Dasein bestimmt haben. Wie er sich dennoch – allen Gefahren und Demütigungen zum Trotz – klug und wachsam mit der Lebensweise des weißen Mannes und seiner Gedankenwelt auseinandersetzt, um schließlich in der Stünde der höchsten Gefahr an die Ratsfeuer der Dakota zurückzukehren: das ist das große Thema der folgenden Bände.

Jungens im Abenteueralter werden von dieser ungemein packend erzählten, bis ins kleinste Detail hinein überzeugend "echten" Indianergeschichte begeistert sein. Auch der erwachsene Leser sollte es nicht für unter seiner Würde finden, einmal in das Buch hineinzuschauen; es sei ihm zur Warnung aber schon jetzt gesagt, daß er sich mit einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit darin festlesen wird. Otfried Preußler