Die Waffenruhe im kalten Krieg ist trügerisch. Jede noch so entfernte Krise, sei es in Asien, sei es in Afrika, schlägt Wellen an die europäischen Ufer. Ob er es wollte oder nicht, der NATO-Rat mußte sich auch mit der jüngsten Kongo-Krise befassen und die Landung von 525 belgischen Paras in Stanleyville nachträglich billigen.

Die belgischen Paras waren unter dem Vorwand von "NATO-Manövern" zusammengezogen worden. Mit US-Transportflugzeugen wurden sie zum britischen Inselstützpunkt Ascension gebracht, der seit langem von den USA mitbenutzt wird. Diese südatlantische Insel, sechs Flugstunden von Stanleyville entfernt, bot sich als günstigste Absprungbasis an, falls die Gefahr für Leib und Leben der 1000 weißen Geiseln in der Rebellenhochburg ein sofortiges Eingreifen erforderte.

Mit diesen Geiseln hoffte die kongolesische Rebellenregierung ihre Existenz zu retten. Die Rebellion, die Anfang April mit Stammesunruhen im östlichen Kongo begonnen und sich dann rasch über viele Provinzen des riesigen Reiches ausgebreitet hatte, drohte zusammenzubrechen, seit 400 weiße Söldner Tschombes Armee zu leichten Siegen führte. Fast kampflos nahmen die 12- bis 18jährigen Rebellenkrieger Reißaus. Ein Bataillon der Regierungstruppen, angeführt von Südafrikanern, Briten, Belgiern und Deutschen, schaffte den Vormarsch von Kindu bis Stanleyville in einer knappen Woche.

Als der Angriff gegen Stanleyville begann, spielten Rebellenchef Christophe Gbenye, einst Innenminister unter dem ermordeten ersten kongolesischen Ministerpräsidenten Lumumba, und sein Verteidigungsminister, der finster-entschlossene Gaston Soumialot, ihren letzten Trumpf aus. Zunächst wurde ein junger amerikanischer Missionsarzt, Dr. Paul Carlson als Spion zum Tode verurteilt. (Carlson, die einzige ärztliche Kraft für 100 000 Kongolesen, hatte es beim Herannahen der Rebellen abgelehnt, seine Kranken zu verlassen.) Dann wurden 525 Belgier und 65 Amerikaner zu Kriegsgefangenen erklärt, schließlich auch die übrigen Weißen (Angehörige von dreizehn Nationen) festgesetzt. Die Rebellen wollten ihnen die Freiheit schenken, wenn die USA und Belgien ihre Intervention aufgäben und Tschombe den Vormarsch seiner Truppen abblase.

Belgier und Amerikaner wurden ausgesucht, weil ihre Länder die Erfolge Moise Tschombes überhaupt erst ermöglicht hatten. Außer 150 belgischen Söldnern sind etwa 180 Militärberater aus Belgien in Tschombes Diensten, ferner hundert Piloten, die jedoch keine Kampfeinsätze fliegen dürfen. Auf Grund eines Vertrages lieferten die USA riesige Transportmaschinen mitsamt einer Schutzwache von 39 Infanteristen, kleinere Bomber, Lastwagen und Funkausrüstungen, außerdem entsandten sie eine 219 Mann starke Militärmission.

Durch Vermittlung des Regierungschefs von Kenia, Jomo Kenyatta, zugleich Präsident der Kongo-Kommission der "Organisation für afrikanische Einheit", kamen in Nairobi Verhandlungen zwischen den Amerikanern und den, Rebellen zustande. Die Rebellen hatten am Montag ihren "Außenminister" Thomas Kanza entsandt, einen eleganten Vertreter der jungen geistigen Elite im Kongo. Doch seine Bedingungen wurden nicht akzeptiert. Am Dienstagmorgen waren die Fallschirmjäger schon mitten in Stanleyville. Für 18 Weiße, auch für Carlson, kam die Hilfe dennoch zu spät; sie wurden vor dem Denkmal Lumumbas niedergemetzelt.

Tschombe jedoch hatte sein Ziel erreicht. Aber auf der internationalen Bühne ist die Krise noch nicht ausgestanden.