Von Heinz Bergner

Die drei Parteien des Bundestages schicken sich an, eine Unterlassungssünde zu begehen. Zehn Monate vor der Parlamentswahl und sieben Monate vor Ende der Legislaturperiode in Bonn liegen zwei Begehren von SPD und CDU unerledigt beim Ausschuß für Familien- und Jugendfragen; wenn sie erfüllt würden, wäre den Abgeordneten die Gunst der Wählerinnen von 1965 sicher. Natürlich geht es dem Bundestag nicht nur darum, beim weiblichen Geschlecht Sympathie zu finden, sondern vor allem darum, ein ziemlich altes Versäumnis zu korrigieren; es geht um eine dringend nötige sozialpolitische und soziologische Aktion: um die deutsche Frauen-Enquete, um eine amtliche Untersuchung aller Probleme, Sorgen und Wünsche der Frau im politischen und sozialen Leben der Bundesrepublik, um eine offizielle Erhebung, wie sie es ihresgleichen bis jetzt nur in den Vereinigten Staaten gibt, und auch dort erst seit einem Jahr.

Aber wieviel Frauen in Deutschland wissen von diesem Report, der ihre Situation zunächst klären, dann aber verbessern soll? Wie viele kennen die ähnliche Aktion John F. Kennedys, deren Abschluß er noch einen Monat vor seinem Tode begrüßen konnte und von deren Erfolg sein Nachfolger Johnson bei den jüngsten Wahlen erheblich profitiert hat?

Im Dezember 1962 hatte die SPD des Bonner Bundestags einen wortreichen Antrag eingebracht. Darin wurde die Bundesregierung zu einer gründlichen Enquete über die Situation der deutschen Frauen im Beruf und in der Familie, in der Gesellschaft und im politischen Leben aufgefordert. Die Untersuchung soll sich auf die Beanspruchung im Privat- und im Berufsleben, auf die Bedeutung der weiblichen Erwerbstätigkeit auf das Familieneinkommen, auf die Struktur der Familien und auf den Einfluß in der Volkswirtschaft erstrecken. Der Bericht soll über Maßnahmen aufklären, die im Bereich der Sozial- und Gesundheitspolitik, der Schulen, der Berufsausbildung und der Erwachsenenbildung erforderlich sind, um Rechte und Chancen der Frau zu fixieren und zu verbessern.

Statistiker und Ärzte, Soziologen und Juristen sollen dazu beitragen, daß der Frauen-Bericht des Bundestages überholte Auffassungen und falsche Zahlen ebenso korrigiert wie unbewiesene Behauptungen, die das wahre Bild der heutigen Frauengenerationen in Deutschland verzerren. Ein kleines Beispiel: Unter "Berufskrankheiten" bei Frauen werden bei den allgemeinen Erhebungen auch Mutterschaft und Geburt registriert...

Kaum lag der umfangreiche SPD-Antrag für eine Frauen-Enquete vor, da brachte die CDU, um die Geneigtheit ihrer weiblichen Anhänger ernstlich besorgt, einen ähnlichen Antrag ein, er war noch umfassender als die Vorlage der Sozialdemokraten. Nach dem Willen der CDU/CSU soll kein noch so nebensächliches Gebiet unerforscht bleiben, sofern es die Situation der Frau berührt. Am 24. April 1963, vor neunzehn Monaten, vertraten die Sprecherinnen aller Fraktionen im Plenum des Bundestags die Forderung nach dem großen deutschen Frauen-Report. Da die SPD den ausführlichen Erkundungen der CDU/CSU nicht entgegentreten, wollte, wurden beide Anträge an den Familien- und Jugend-Ausschuß überwiesen, zusätzlich auch an den Ausschuß für Arbeit.

Im Schoße des Familienausschusses, dem die Abgeordneten Linus Memmel (CSU) und Martha Schanzenbach (SPD) vorsitzen, sollte ein gemeinsamer Antrag erarbeitet und der Regierung präsentiert werden. Im Oktober 1963 befaßte sich der Ausschuß zum erstenmal mit den Vorbereitungen für die Enquete – und dann wurde es still.