Von Ernst Stein

Wenn nicht alle Zeichen trügen – sie trügen leider nicht oft genug, und die kommende Mode wird dadurch nur allzuleicht berechenbar – steht uns ein Schwung Barockliteratur ins Haus, denn die neueste Welle ist in der Regel eine alte. DIE ZEIT, 7. Juni 1963

Am modernen Bild der Barockliteratur ist das Auge über Gebühr beteiligt. Aus ihrer Betrachtung fällt ein ablenkender Schimmer aus der Welt überladener Stätten des Prunks und der Andacht, der Abglanz einer Kunst voll hermaphroditischer Engel und Heiliger in fragwürdiger Verzückung. Ähnlich entlehnt die Renaissancedichtung von den Deckengemälden alter Palazzi eine Leuchtkraft, die ihr selber nicht immer eigen ist – wogegen unsere Vorstellungen von der Literatur des Mittelalters oder des Klassizismus ohne solche visuellen Anleihen auskommen.

Sooft eine literarische Generation das Barock wiederentdeckt – sei es die Romantik oder die sogenannte Dekadenz um die Jahrhundertwende, seien es die zwanziger oder die sechziger Jahre –, immer ist diese Erneuerung eine verkappte Auseinandersetzung mit dem Himmel, der nichts fehlt als der Glaube. Die in immer kürzeren Abständen wiederkehrende Barockmode ist nicht vom Kirchenglauben, sondern von der Kirchenkunst eingegeben.

Schon dies verleiht der Wiederbelebung eine Künstlichkeit, eine Gesuchtheit, die sich nicht so sehr durch die literarische als durch die historische Bedeutung der Originale rechtfertigen läßt, durch ihre sozialen und psychologischen Nachwirkungen.

Denn da die Barockliteratur (wofern man die Unstatthaftigkeit einer Datierung von Stilepochen überhaupt mitmacht) aus dem siebzehnten Jahrhundert ebenso tief ins sechzehnte zurück wie ins achtzehnte voraus greift, mithin von den Ansätzen bis zu den Ausläufern fast zweihundert Jahre umspannt, hat sich viel Zeitgemäßes, jedem Zeitalter auf seine Art Gemäßes in diesen beiden Jahrhunderten vorgeformt – und nicht das Beste.

Was der Strom der Literatur in seinem Lauf über die höfische Courtoisie und den bürgerlichen Werktag, über die Gärungen und Roheiten der Reformationszeit bis zu den bleiernen Schatten ihres religiös-politischen Widerspiels mitführte an ritterlicher Geziertheit und schwerfälligem Anstand, an verbohrter Gelehrsamkeit und versponnener Schreibsucht, an schwelenden Leidenschaften, Brutalität und trüben Ekstasen, an Überschwang und Trockenheit, an Schindluder mit dem geschriebenen Wort und zuchtlosen Stilspielereien – all dies Treibgut lagerte sich in der Barockliteratur ab.