Die Geburt der literarischen Pose

Von Ernst Stein

Wenn nicht alle Zeichen trügen – sie trügen leider nicht oft genug, und die kommende Mode wird dadurch nur allzuleicht berechenbar – steht uns ein Schwung Barockliteratur ins Haus, denn die neueste Welle ist in der Regel eine alte. DIE ZEIT, 7. Juni 1963

Am modernen Bild der Barockliteratur ist das Auge über Gebühr beteiligt. Aus ihrer Betrachtung fällt ein ablenkender Schimmer aus der Welt überladener Stätten des Prunks und der Andacht, der Abglanz einer Kunst voll hermaphroditischer Engel und Heiliger in fragwürdiger Verzückung. Ähnlich entlehnt die Renaissancedichtung von den Deckengemälden alter Palazzi eine Leuchtkraft, die ihr selber nicht immer eigen ist – wogegen unsere Vorstellungen von der Literatur des Mittelalters oder des Klassizismus ohne solche visuellen Anleihen auskommen.

Sooft eine literarische Generation das Barock wiederentdeckt – sei es die Romantik oder die sogenannte Dekadenz um die Jahrhundertwende, seien es die zwanziger oder die sechziger Jahre –, immer ist diese Erneuerung eine verkappte Auseinandersetzung mit dem Himmel, der nichts fehlt als der Glaube. Die in immer kürzeren Abständen wiederkehrende Barockmode ist nicht vom Kirchenglauben, sondern von der Kirchenkunst eingegeben.

Schon dies verleiht der Wiederbelebung eine Künstlichkeit, eine Gesuchtheit, die sich nicht so sehr durch die literarische als durch die historische Bedeutung der Originale rechtfertigen läßt, durch ihre sozialen und psychologischen Nachwirkungen.

Denn da die Barockliteratur (wofern man die Unstatthaftigkeit einer Datierung von Stilepochen überhaupt mitmacht) aus dem siebzehnten Jahrhundert ebenso tief ins sechzehnte zurück wie ins achtzehnte voraus greift, mithin von den Ansätzen bis zu den Ausläufern fast zweihundert Jahre umspannt, hat sich viel Zeitgemäßes, jedem Zeitalter auf seine Art Gemäßes in diesen beiden Jahrhunderten vorgeformt – und nicht das Beste.

Was der Strom der Literatur in seinem Lauf über die höfische Courtoisie und den bürgerlichen Werktag, über die Gärungen und Roheiten der Reformationszeit bis zu den bleiernen Schatten ihres religiös-politischen Widerspiels mitführte an ritterlicher Geziertheit und schwerfälligem Anstand, an verbohrter Gelehrsamkeit und versponnener Schreibsucht, an schwelenden Leidenschaften, Brutalität und trüben Ekstasen, an Überschwang und Trockenheit, an Schindluder mit dem geschriebenen Wort und zuchtlosen Stilspielereien – all dies Treibgut lagerte sich in der Barockliteratur ab.

Die Geburt der literarischen Pose

Keine andere Zeit – mit einer Ausnahme, die ungenannt bleibe – hat so wahllos aufgesaugt, was ihr Vergangenheit und Gegenwart aus alle: Herren Ländern und dem eigenen herrenlosen Lande zutrugen. So wahllos und so instinktlos Denn sie verwechselte Fülle mit Gehalt, Häufung mit Steigerung, Krampf mit Entrücktheit. Sie bedichtete die Süße des Kusses in Registern, die einen säuerlichen Dunst ausströmen; sie bemühte die halbe Naturgeschichte und die ganze Antike, um einen weißen Busen zu besingen; sie hinkte zweitausend Jahre zurück und viele Länder weit, um den Bach vor den Füßen zum Rauscher zu bringen, aber es raschelte nur Papier; sie sprach in einem heroischen Kanzleistil, der das Leben in eine Kulisse und die Kunst in Deklamation verwandelte.

Es war die Monumentalisierung der Geschmacklosigkeit. Und die deutsche Literatur ist sie seitdem nie mehr völlig losgeworden. Ihr Erdenrest drückt noch, in höchster Verklärung auf die Schlußszene des "Faust". Aber das heroische Format hat sie später nur noch einmal angenommen. Dreihundert Jahre später.

Diese Ratsherren und Schulmeister, Junker und Juristen, die sich auf eine Poeterei verlegten, für die es Lehrbücher und Nürnberger Trichter geben konnte, erlebten selbst ihre echten Gefühle aus zweiter Hand, als Bildungsprodukt und soziale Konvention. Und da ihrer aller Bildung aus den gleichen Lesefrüchten gepreßt war, zerrann die Literatur ins Ununterschiedliche. Nur da und dort ragt ein großer Lyriker aus dem Flachland wie der zu früh aufgetretene und zu früh gestorbene Paul Fleming oder ein großer Prosaist wie Grimmelshausen – erratische Blöcke, an denen sich die Niederungen ringsum ermessen lassen.

Trotz der keuchenden Gestik und dem erhabenen Faltenwurf geborgter Gewänder, trotz der über alle Ufer des Geschmacks tretenden Flut der Metaphern, und einem Meer von Tränen, trotz einer tropischen Sprachvegetation spürt man hinter dieser stoßweis gehenden Langatmigkeit, hinter diesen seelischen Verrenkungen eine tief erschreckende Dürre. Wohl nie war das Dichten – als Beruf, nicht als Berufung – so durchschaubar gewesen, so leicht ergründlich, aber der seichte Grund, auf den es den Durchblick gestattete, war staubtrocken. Unter den ellenhohen Allongeperücken mit den kunstvoll gedrehten Locken sahen teilnahmslose, stumpfe, selbstzufriedene Gesichter in die Welt,

im Barock wurde der Spießer geboren. Die Barockliteratur setzte ein, lange bevor ihre-Zeit reif war, und fast hundert Jahre, ehe sie ihre krausesten Blüten trieb, wurde ihre tollste Ausgeburt an den Tag gegeben (1575), ein Elementarereignis der erzählenden Prosa. Man muß mehr als dreieinhalb Jahrhunderte vorwärtsgehen, um einem ähnlichen Dammbruch der Sprache zu begegnen. Nach über siebzig Jahren liegt dieses großartige Ungetüm in einem geschenkreif ausgestatteten und vorzüglich glossierten Neudruck wieder vor –

Johann Fischart: "Geschichtsklitterung", Text der Ausgabe von 1590, mit einem Glossar herausgegeben von Ute Nyssen; Karl Rauch Verlag, Düsseldorf; 2 Bände, 626 S., Abb., 38,– DM.

Es ist die Übersetzung, Bearbeitung, Nachschöpfung – die zu einer Wortsintflut ausgeartete Erweiterung des "Gargantua" von Rabelais, des Ersten Buches nur, aber trotzdem fast so umfangreich wie das ganze Original. Es ist das eine von den beiden Meisterwerken, die dieses Meisterwerk gezeugt hat; das zweite sind die "Contes drolatiques" von Balzac.

Die Geburt der literarischen Pose

Fischart hat den Rabelais überschrecklich lustig in einen deutschen Model vergossen und ungefährlich obenhin, wie man den Grindigen laust, in unser Mutterlallen über- oder druntergesetzt; auch zu diesem Druck wieder auf den Amboß gebracht und dermaßen mit Pantadurstigen Mythologien oder Geheimnisdeutungen verposselt, verschmiedet und verdengelt, daß nichts ohne das Eisen Nisi dran mangelt". (Eine zahme Probe seines Berserkerstils, wenn auch nicht seiner Rechtschreibung.)

Das war kein behutsames Präludieren des Barock, sondern eine hundertfache Vorwegnahme des in Bildung erstickenden Wortschwalls, der dem Hochbarock stilistischer Selbstzweck war. Aber was, ein Jahrhundert später, die dichtenden Akademiker ihren ledernen Seelen abquälten, schäumte hier aus unerschöpflicher Lebenslust und wahrscheinlich auch Lebenskraft hervor. Dazu gehörte allerdings auch der widerwärtige Hang zur Zote und Unflätigkeit, aber schließlich läßt sich das auch dem modernen Gegenstück einer Schöpfung aus nichts als Worten nachsagen, dem "Finnegan" von James Joyce.

Um so erstaunlicher, daß Fischart eines der künstlerisch reinsten Werke des ungehobelten sechzehnten Jahrhunderts (in dessen letztem Jahrzehnt er starb) gedichtet hat, die Reimerzählung vom "Glückhaften Schiff", das einen Topf mit heißem Hirsebrei von Zürich nach Straßburg bringt.

Fischarts "Geschichtsklitterung" ist ein faszinierendes, wenngleich ein unmögliches Buch: Mehr als ein Kapitel läßt sich in einem Gang nicht verdauen, man kann darin nur blättern, das aber jahrelang. Aber man soll sie immer wieder anlesen, wäre es auch nur, um eine Handvoll sprachlicher Neuschöpfungen und verschollener Wortkostbarkeiten für unsere Umgangssprache zu retten, bevor sie im Publicity-Stil ihre Seele aushaucht.

Das 184 Seiten starke Glossar, das nicht genug zu loben ist, kann bei dieser Bergung die trefflichsten Dienste leisten. Dem Neudruck sind 32 von den wunderlichen Holzschnitten aus den "Songes drolatiques", einer Groteskenfolge von 1565, beigegeben (vor etwa vierzig Jahren auch bei Rentsch in Zürich erschienen), die abgründig komisch, obszön und gespentisch zwischen Hieronymus Bosch und Callot stehen und niemals überzeugend gedeutet worden sind.

Der sprachenkundige und wohlbelesene Amtmann Fischart fand lobende Worte für einen damals schon alten Roman, dessen, europäische Beliebtheit man sich heute nicht vorstellen und noch weniger erklären kann, den über zwanzig Bände langen und wie zweihundert langweiligen Heldenroman "Amadis", um dessen Ursprung drei Länder stritten, Frankreich, Spanien und Portugal.

"Süß und trüb" nennt Fischart die Geschichte von dem jungen Ritter und der holdseligen Tochter des Königs von Engelland, in der Liebe, Tapferkeit und Edelmut, aber auch die Erzählung kein Ende nehmen. Einst war sie in der Hand aller Gebildeten und Ungebildeten, "auch für die Jungen nützlich zu lesen, mit viel, angehexten guten Leeren" – angeschwärmt wie "Werther", nachgeahmt und fortgesetzt. Für Sammler (und Germanisten) ist sie nun wieder da:

Die Geburt der literarischen Pose

"Amadis", Erstes Buch, nach der ältesten deutschen Bearbeitung (1569) herausgegeben von Adelbert von Keller, photomechanischer Nachdruck der Ausgabe Stuttgart 1857; Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt; 478 S., 38,– DM.

Wider Erwarten macht Cervantes, der Drachentöter der Ritteromane, in "Don Quijote" gerade mit dem "Amadis" eine Ausnahme, "dem besten von allen dieses Schlages"; das Buch kommt nicht ins Feuer. Weit überraschender schrieb Goethe an Schiller, es sei "doch eine Schande, daß man so alt wird, ohne ein so vorzügliches Werk... gekannt zu haben". Was mag wohl Goethe im "Amadis" gefunden haben? Die unbeschwerte Naivität, wohltuend in der Zeiten Überspitzheit? Den natürlichen Anstand, den er im Alltag so oft vermißte? Oder eine Gefühlsseligkeit, die sich von selbst verstand und nicht zu stürmen und zu drängen brauchte wie einst "Werther"?

Was sich der Barockroman aus dem "Amadis" zum Vorbild nahm, war unheilvoll genug, wie alle Einflüsse, denen er verfiel: Er fand darin die Sentimentalität, das klägliche Geseufze – "süß und trüb" –, den unerträglichen Edelmut und die Länge, wenngleich sich die Nachfahren im großen und ganzen damit begnügten, Romanwälzer von zweitausend Seiten abzufassen.

Einer von ihnen hat die heroische Mode, das Philistertum des Grandiosen, die kalte Vorspiegelung hitziger Leidenschaften, die Registerarien der Gefühle nicht mitgemacht: Grimmelshausen, wenngleich selbst er, trotz aller erzählerischen Kraft und Selbständigkeit, nur zu oft dem Ungeschmack des Zeitalters erlag, vor dem es kein Entrinnen gab.

Aber in seinem "Simplicius Simplicissimus" wurde zum erstenmal der Charakter nicht umschrieben und nicht mit klassischen Vorlagen verglichen, sondern der problematische Mensch entwickelt und mit der Welt konfrontiert; zum erstenmal wurde die Zeit und das soziale Gefüge in der Handlung mitgestaltet; zum erstenmal gelang der Übergang vom Autobiographischen in die Romanform. Und wenn es, genau genommen, auch nicht zum erstenmal war – denn was wäre in der künstlerischen Schöpfung ohne Vorläufer? –, so war doch die Gußform geschaffen, aus der, nach zahllosen Unterbrechungen und Rückfällen, der psychologische Zeitroman im modernen Sinn hervorging. Eine neue Ausgabe

Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen: "Der abenteuerliche Simplicius Simplicissimus", mit 174 Handätzungen von Max Hunziker, Einleitung und Anmerkungen von Louis Wiesmann; Flamberg Verlag, Zürich; 432 S., 48,– DM

in stattlichem Werbeprämienformat (19 x 36 cm), zweispaltig gedruckt – was barock und modern zugleich wirkt – empfiehlt sich vor allem durch die Illustrationen von Hunziker, auch wenn sie auf den ersten Blick den Text zu erdrücken scheinen und es einer gewissen Gewöhnung bedarf, bevor sie ihre poetische und beklemmende Wirkung ausüben können. (Als Druckvorlage ist nur die Ausgabe der Büchergilde Gutenberg, Zürich 1945, genannt; über die editorische Handhabung ist nichts gesagt.)

Die Geburt der literarischen Pose

Mit der bildlichen Begleitung eines Ausnahmefalls wie "Simplicissimus" verhält es sich doppelt widerspruchsvoll: Die Kupfer der Originalausgaben mit ihren unbeholfenen Allegorien urd Landschaften im erschöpften Geschmack der Zeit sind ihm genauso wesensfremd, wie eine datierte Modernität seiner alterslosen Zeitgemäßheit zuwiderläuft. Ein paar Blätter Hunzikers entgleisen in herkömmliche Aktualität (USA und SA-Uniform; Knobelbecher), und da wird, was die Sucher nach Zeitnähe immer übersehen, die Anklage zur Reportage. Aber diese Illustrationen, die manchmal an Max Ernst, an Masereel, an Matisse oder auch an Cocteau und Fronius erinnern, ergeben zuletzt ein eigenes Ganzes von bemerkenswerter Wuchtigkeit und Zartheit, Nachtmahrsymbolik und spukhaftem Realismus, Es ist nicht gerade Grimmelshausen, aber es wird ihm gerecht.

Er hatte viele Nachahmer, der 1676 im Bsdischen gestorbene Schultheiß Grimmelshausen, in dessen "Teutschem Michel" unsere Zeit zu Nutz und Frommen manches Einschlägige über die Verausländerung der Sprache und der Literatur nachlesen könnte (aber wo wird sie!), besser gesagt: Er hatte Zeitgenossen, die am Strang der gleichen Konvention zogen, über die nur er sich zur großen Erzählungskunst erhob.

Einen von ihnen, den Österreicher Johann Beer, der Herzoglicher Hofkomponist in deutschen Landen wurde, hat erst zweihundertfünfzig Jahre nach dem Tode die Kennerschaft Richard Alewyns aus völliger Verschollenheit gerettet. Zu Beers "Narrenspital", einem Ausbund an Derbheit, das seit langem als Taschenbuch (Rowohlts Klassiker) vorliegt, gesellt sich

Johann Beer: "Die teutschen Winternächte und "Die kurzweiligen Sommer-Täge herausgegeben von Richard Alewyn; Insel Verlag, Frankfurt; 888 S., Abb., 30,– DM.

Wie Grimmelshausen brachte der Lustigmacher Beer seine Romane unter den ausgefallensten Decknamen unter die Leute; Ruhm hat er damit nicht geerntet, vermutlich auch keinen Gewinn Meist sind es ohne jede Ahnung von epischer Steigerung aneinandergereihte Erlebnisse eines jungen Liederjans, der im Heu, im Wirtshaus und im Schloß sein Männchen stellt und aus seinen vielen, aber nicht vielfältigen Abenteuern mit Schimpf oder mit heiler Haut entkommt Wo diese Romane belehrend werden, wirken sie, wie die Barockerzählung immer, schal und abgedroschen, aber Johann Beer, dem es nur auf die Handlung ankommt, fabuliert mit so unbekümmerter Lockerheit, daß die stoffliche Fülle etwas wie die Konturen einer Gestalt ergibt Herzhaft ordinär ist er immer, aber er macht es vergnüglicher als die meisten seiner Zeitgenossen, und so darf er mit Recht fröhliche Urstänc feiern.

An Kraft der Vision, nicht der epischen, sondern der sozialen und der moralischen, kam nur einer Grimmelshausen nahe, der Elsässer

Hanss Michael Moscherosch: "Gesichte Philanders von Sittewald", herausgegeben vor. Felix Bobertag, photomechanischer Nachdruck aus Kürschners Deutscher Nationalliteratur, Stuttgart 1883; Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt; 404 S., Abb., 42,– DM.

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Die "Gesichte" (1650), namentlich der Erste Teil, sind eine freie Bearbeitung von "Los Suenos" ("Die Träume") des großen spanischen Humanisten, Diplomaten und kunstreichen Schriftstellers Quevedo, dessen berühmte Satiren (1627) gegen die Verderbtheit des Hofes und den Sittenverfall des Volkes "Philander" auf deutsche Verhältnisse übertragen hat. Moscherosch hatte viel unter der plündernden Soldateska des Dreißigjährigen Krieges zu leiden und wetterte voll Erbitterung gegen Krieg und Militär. Man kann da manche modern anmutende Stelle finden.

Sein Buch, aus dem der Nachdruck eine Auswahl mit der Gediegenheit von 1883 bietet, ist eine "Strafschrift" gegen die Auswüchse der Zeit, gegen Unmenschlichkeit, Eitelkeit und Eigennutz, aber was ihm am meisten am Herzen liegt, ist die "Alamode-Narrheit", die Verrottung der Sprache, die Verausländerung, wiewohl sich Moscherosch selbst der gleichen Unsitte schuldig weiß. Auch da wird man viel Zeitgemäßes entdecken. Zudem ist er einer der wenigen Barockautoren, die gelehrt und didaktisch sein können, ohne langweilig und banal zu werden.

Handelt es sich bei zwei dieser Titel um photomechanische Wiedergaben, bei denen man Schönheitsfehler wie eine hundert Jahre alte Orthographie (Amadis) oder eine Einleitung, die auch ein nicht nachgedrucktes Werk einbezieht (Moscherosch) mit in Kauf nehmen muß, so sind die Niemeyerschen "Neudrucke deutscher Literaturwerke" (Neue Folge) eine imposante, buchtechnisch hervorragende und kostspielige Auferstehung der unschätzbaren braunen Heftchen, mit denen man einst um einen Pappenstiel germanistische Bildung und ausgefallenes Lesefutter erwerben konnte: sozusagen Reclam-Bändchen, die von der Höheren Schule abgegangen waren.

Der Geist des Seminars schwebt sichtbar über der "Neuen Folge", und ein Schmökern verbietet sich durch den Preis. Aber wir haben es ja, und das gestattet uns einen gründlichen Einblick in die Schatz- und Rumpelkammer der Barocklyrik –

Benjamin Neukirch: "Herrn von Hoffmannswaldaus und andrer Deutschen auserlesener und bisher ungedruckter Gedichte erster Teil", nach einem Druck von 1697, mit Einleitung und Lesarten herausgegeben von A. G. de Capua und E. A. Philippson; Max Niemeyer Verlag, Tübingen; 517 S., Abb., 28,– DM.

Benjamin Neukirch, Pädagoge und Alamode-Dichter, stand dem Kreis um Hoffmannswaldau nahe, den man meist für die Verkörperung des literarischen Hochbarock hält. Er selbst ist in der von ihm herausgegebenen Sammlung mit achtzig Gedichten vertreten, zwei mehr als Hoffmannswaldau, Lohenstein nur mit sechs, während von längst erloschenen Kometen wie dem Hofmann Johann von Besser sechzehn und von C. Eltester einundzwanzig aufgenommen sind.

Der Grundton, auf den die Anthologie gestimmt ist, soweit ihre Zusammenstellung nicht vom Zufall und von persönlicher Verbindung entschieden wurde, liegt auf dem "Galanten". Aber so erstaunlich weit die Schlüpfrigkeit auch häufig geht, sie erinnert an den Elefanten, der eine Erbse aufhebt". Diese Literatur gefiel sich in Vers und Prosa in neckischer Pikanterie und war doch am allerwenigsten dafür gebaut. Aber vielleicht gibt ihr gerade diese alexandrinische Schöpfung aus dem Nichterlebten ihre stilgeschichtliche Stellung.

Die Geburt der literarischen Pose

Neukirchs Gedichtsammlung erschien in sieben Teilen bei vier Verlegern (1695 – 1707), und die Einleitung des modernen Herausgebers unterrichtet auch über die heillose Verworrenheit des Druck- und Verlagswesens in jenen Zeitläuften, die immer die Verzweiflung, aber auch die Jagdfreude des Barocksammlers bildet. Die besondere Bedeutung der Anthologie Neukirchs liegt in seiner langen Vorrede über den Stand der zeitgenössischen Poesie, deren Wesen man hier vielleicht näherkommt als in der ausgelaugten Lyrik selbst. Neukirch hat sich übrigens später von dieser Schnörkelwelt dem lehrhaften Rationalismus nach französischem Muster zugekehrt, der Linie, deren Höhepunkt Gottsched bildete und deren Schlußpunkt Lessing setzte.

In eine herbere, abweisende und zugleich kontaktbemühte Welt, das Jesuitendrama, führt ein anderer Neudruck, allerdings nur den Lateiner –

Jacob Bidermann: "Cenodoxus", nach der Ausgabe von 1666 mit anderen Lesarten herausgegeben und eingeleitet von Rolf Tarot; Max Niemeyer Verlag, Tübingen; 252 S., 23,– DM,

eines der Hauptwerke einer Gattung, deren Einfluß auf die geistige Entwicklung in Deutschland nicht gering anzuschlagen ist. Denn diese Jesuitenstücke wurden auf ihren Schulen und anderen Lehranstalten, wie auch bei öffentlichen Anlässen viel gespielt und übten ihre Wirkung auf schlichte Seelen durch den Prunk und das Raffinement der Aufführung, auf die Gebildeten aber durch die mystische Verlockung, die von jedem Bild seelischer Zwiespältigkeit ausgeht. So wurden diese Dramen eine wirksame Waffe der sogenannten Gegenreformation.

Diese Tragödie des sündhaften Stolzes, die Höllenfahrt des berühmten Professors Cenodoxus zu Paris, der sich selbst vor Gott verstellen zu können glaubt, entbehrt nicht der Berührung mit dem Faust-Stoff, aber – ihrer Tendenz und dem Dogma getreu – im Geist oder Widergeist der Unerbittlichkeit. Die Jesuiten wußten, als gute Psychologen, daß sie den Gebildeten schärfer mit der Verdammnis drohen mußten als den einfachen Gemütern. Cenodoxus ist Jedermann als Intellektueller, und verständlicherweise kreisten Hofmannsthals Gedanken und Pläne viel um dieses Stück. Übrigens hat es sich gerade in unseren Tagen als spielbar und bemerkenswert wirksam erwiesen.

Auf zehn Bände ist die Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke von Andreas Gryphius berechnet; vier sind, in erstaunlich rascher Folge, bereits erschienen –

Andreas Gryphius: "Sämtliche Werke" (Band 1: Sonette, 252 S.; Band 2: Oden und Epigramme, 244 S.; Band 3: Vermischte Gedichte, 234 S., alle herausgegeben von Marian Szyrocki; Band 4: Trauerspiele I, herausgegeben von Hugh Powell, 290 S.); Max Niemeyer Verlag, Tübingen; Abb., pro Band 46,– DM.

Die Geburt der literarischen Pose

Es ist eine alte Übereinkunft der literaturgeschichtlichen Darstellung, in Gryphius die Hauptgestalt des Hochbarock zu sehen, so wie sie Martin Opitz, von dessen "Buch von der deutschen Poeterei" (1624) das regelstrenge Übel, das Dichten nach dem Leitfaden ausging, für den Repräsentanten des Frühbarock hält. Beides ist nicht vertretbar, so wie auch die Gruppierung in eine Erste und eine Zweite "Schlesische Schule" nichts ist als verhärtete Willkür. Hier wird das Werk mit dem Einfluß verwechselt.

Die Überbewertung des Lyrikers und Dramatikers Gryphius, in dem unsere entdeckungsfrohe Zeit frappante Querverbindungen zu den Allermodernsten zu finden meint, liegt wohl an dem Umfang und der Vielfalt seines Schaffens, mehr noch an der beherrschten Haltung, an der Zurücknahme des Überschwangs durch die Beziehung auf die Standeswürde des Dichters, von der höchstens in der Antike und in der Renaissancezeit die Rede sein konnte. Am Hofe Ludwigs des Vierzehnten wäre Gryphius ein großer Dichter geworden.

Ein zweiter Corneille, dessen Zeitgenosse er ungefähr war, konnte er nicht werden, denn bis zum Ausgang des siebzehnten Jahrhunderts war der deutsche Dramatiker ein Theaterautor ohne Theater. Von den Höfen abgesehen und mit Ausnahme Hamburgs, gab es keine große stehende Bühne – auch in Hamburg wurde meist Oper gesungen und Ballett getanzt –, es gab kein Theaterpublikum und (ach!) keine Kritik. Sein eigenes dramatisches Werk, fünf Tragödien und drei Lustspiele, ist bühnenfremd, auch wenn Requisiten, Maschinen, übersinnliche Erscheinungen darin eine große Rolle spielen – aber die ganze Barockliteratur arbeitete auch ohne Bühne immer mit Theaterkulissen.

Bezeichnenderweise war es, neben dem unvermeidlichen Seneca, der niederländische Dramatiker Joost van den Vondel, der den stärksten Einfluß auf den Tragödienschreiber Gryphius ausübte – nicht Shakespeare, in dessen Todesjahr er geboren wurde. (Seine Posse "Herr Peter Squentz" – das Rüpelspiel aus dem "Sommernachtstraum" – geht offenbar nur auf eine Darstellung der englischen Komödianten in Schlesien zurück.) Vondels protestantische Erdenschwere, die sich auch nach seiner Bekehrung zum Katholizismus nicht zu den Wolken aufschwang, die Shakespeare niemals verließ, war ein passenderes Vorbild für Gryphius, der sich streng an die klassischen Grenzen des Dramas hielt und darum seine eigenen nicht sprengen konnte.

Sprengen war seine Sache nicht, auch nicht in der Lyrik. Ihm hätte zur Größe verholfen, was seinen Zeitgenössen den Weg zur Größe verwehrte: das Übermaß, die Gabe, sich zu verströmen; ihr Fehler wäre sein Vorzug geworden. So gelangen ihm wohl viele Gedichte von berückender Schmerzlichkeit, von einer Inbrunst, die der kirchlichen Krücke entraten kann, aber selbst sie kommen aus einer Papiermühle, die eine Unzahl jener fatalen "Gelegenheitsgedichte" ausspie, denen man noch bei Goethe mit dauerndem Unbehagen begegnet.

Auch eine Unzahl "Geistlicher Gedichte" ging aus ihr hervor, in denen man nicht mehr sehen kann als im Absingen von Kirchenliedern zu den vorgeschriebenen Stunden der Andacht. (Man vergleiche damit die Sprachraserei und Gefühlsorgien des sonderbaren Schwärmers Quirinus Kuhlmann, der als Ketzer auf dem Scheiterhaufen lebend verbrannt wurde. Sein "Kühlpsalter", der gleichfalls bei Niemeyer erscheint, dürfte das barockste Werk aller Barocklyrik sein und die rauschhafteste religiöse Dichtung aller Zeiten – mit sämtlichen Peinlichkeiten des entblößenden Rausches. Eine kleine Auswahl daraus erschien als Sondernummer der Lyrischen Hefte, herausgegeben von Arnfrid Astel, Heidelberg.)

Was die "Epigramme" von Gryphius betrifft, so gehören auch sie zu der unüberschaubaren Flut von verifizierten Einfällen, die wie durch ein Versehen in die Lyrik geraten scheinen; von Martial über Logau und Lessing bis zu den "Xenien" Goethes und Schillers haben sie besorgt, was später der Aphorismus besser traf: die Kritik an der Zeit und an Personen. Aber wie selten fielen sie so geistreich aus, wie ihre Dichter meinten.

Die Geburt der literarischen Pose

Trotzdem ist Gryphius, gerade weil er die schlimmsten zeitgenössischen Auswüchse zu meiden suchte, gerade weil ihm seine menschliche Stärke zur poetischen Schwäche wurde, einer der größten Vertreter der Barockliteratur. Es ist hoch erfreulich, daß die Mitherausgeberin der Gesamtausgabe gleichzeitig seine Biographie (zu überraschend billigem Preis) vorlegt –

Marian Szyrocki: "Andreas Gryphius" – Sein Leben und Werk; Max Niemeyer Verlag, Tübingen; 136 S., Abb., 7,50 DM

– eine echte Biographie, mit allem Wissenswerten, das in diesem Fall auch ungemein lesenswert ist, und erfreulicherweise ohne das höhenwandelnde Geschwafel über diesen – und andere – Dichter, das seit Gundolf in Schwang gekommen ist und heute als Deutung verzapft wird.

Unter die Schar der Hochansehnlichen in diesen musterhaften Neudrucken, mengt sich auch ein verbummelter Student, ein Bruder Liederlich. Man kennt nicht einmal sein Todesjahr genau, 1710 war es wohl, aber er hat für die deutsche Literatur, als sie es nach all den Tiraden und flatternden Helmbüschen der Heroen am bittersten nötig hatte, die bürgerliche Komik entdeckt. Er schenkte ihr den ersten heiteren Roman aus dem Volk, den "Schelmuffsky" – der Name könnte von Nestroy sein – und die Sittenkomödie von der "Frau Schlampampe".

Es war der relegierte Theologie- und Rechtsstudent Christian Reuter, der mit diesen unvergänglichen Kleinigkeiten Rache an seiner Quartierfrau und ihrem Sohne nahm, wie später auch an seinem Brotgeber, einem Kammerherrn, in –

Christian Reuter: "Graf Ehrenfried", Abdruck der Erstausgabe von 1700, herausgegeben von Wolfgang Hecht; Max Niemeyer Verlag, Tübingen; 99 S., Abb., 6,40 DM.

Die etwas singspielhaft geratene Komödie ist voll scharfer Beobachtung und ohne Bildungsballast – wie die beiden einander ausschließen, beweist fast die ganze Barockliteratur –, und darin war der Spaßmacher Reuter so unzeitgemäß wie der tragische Johann Christian Günther, der größte Lyriker des Spätbarock. Von Christian Reuter führt eine gerade Linie zum Wiener Volksstück und dem unsterblichen Lumpen Datterich von Niebergall; Reuter hätte vielleicht der Georg Büchner des deutschen Lustspiels werden können.

Die Geburt der literarischen Pose

Zwei Jahrhunderte wölben sich über Barockliteratur in hochverziertem Bogen, dessen Eckpfeiler in tiefste Nüchternheit eingelassen sind: Zweihundert Jahre krasser Gegensätze, bedingt durch Politik und Religion, verschärft durch das innere Ringen zwischen Blutdurst und Gefühlsduselei, Zucht und Sinnlichkeit, einen vulkanhaft ausbrechenden Hang zur Grausamkeit und einen nicht weniger jähen Sturz in Zerknirschung. Hier wäre eine Parallele zu ziehen, aber – wie Gryphius sagt – das "ist nicht meines Thuns, nicht Vorhabens, nicht der Notturft".

Wohl aber ist festzuhalten, daß all dieser innere und äußere Hader, die Zwiespältigkeit des Glaubens und des Herrschens, die Unsicherheit der Seelen wie der Leiber zwangsläufig dazu führte, dem eigenen Volke, dem Ausland etwas vorzumachen, eine Sicherheit, eine Gefühlsinnigkeit, ein Wissen und eine Größe, zu prätendieren, nie man ersennte, aoer nicht besaß. Es war die Geburt der literarischen Pose in Deutschland.

Ein Abglanz aus der Welt der Kunst fällt auf diese Literatur, hieß es eingangs, und abseits von den großen Pflanzstätten der Barockkunst in den romanischen Ländern, in Süddeutschland und Österreich, aber von ihnen gespeist, entwickelte das böhmische Barock eine sonst fehlende Note, die gerade bei der Sinnenfreude und dem Temperament dieses Volkes unerwartet ist, eine gesammelte Schlichtheit. Das Werk von Wiener und Münchener Museumsdirektoren und Kunsthistorikern

"Barock in Böhmen", herausgegeben von Karl M. Swoboda (Erich Bachmann: "Architektur und Plastik"; Erich Hubala: "Die Malerei"; Herman Fillitz / Erwin Neumann: "Das Kunstgewerbe"); Prestel-Verlag, München; 360 S., Abb., 38,– DM

ist auf geschichtliche Darstellung angelegt, und das könnte nicht besser sein. Wie sonst nur bei der abstrakten Kunst ist gerade beim Barock jede Hochstapelei der Interpretation möglich. So wird nicht das hochgestochene Vokabular der Kunstdeutung entleert, sondern ein Füllhorn von Informationen, und da das böhmische Barock wenig bekannt ist, erfahren wir aus diesem schönen und billigen Band viel Neues, nicht immer auch Bedeutendes.

Denn dieses Barock ist – fast ein Widerspruch im Beiwort – bescheiden, unverkrampft, volkstümlich, und man erinnert sich, daß diese gewaltige Strömung ursprünglich ausgelöst wurde, um das Volk für die Kirche zu gewinnen. Man erinnert sich, wenn man diese Bilder – meist neue Aufnahmen – oder die Originale an Ort und Stelle gesehen hat, auch an noch eines: an die Barockliteratur. Sie empfing den erdrückenden Glanz ihrer Ornamentik von der Kunst – sie gab ihr etwas von der eigenen Beredsamkeit, ihrer Überbetonung der Gefühle, ihren gärenden Trieben zurück. Ein Kreis schließt sich, Wellenringe bildend, deren äußerster sich im Augenblick um unsere Zeit zieht.