"Amadis", Erstes Buch, nach der ältesten deutschen Bearbeitung (1569) herausgegeben von Adelbert von Keller, photomechanischer Nachdruck der Ausgabe Stuttgart 1857; Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt; 478 S., 38,– DM.

Wider Erwarten macht Cervantes, der Drachentöter der Ritteromane, in "Don Quijote" gerade mit dem "Amadis" eine Ausnahme, "dem besten von allen dieses Schlages"; das Buch kommt nicht ins Feuer. Weit überraschender schrieb Goethe an Schiller, es sei "doch eine Schande, daß man so alt wird, ohne ein so vorzügliches Werk... gekannt zu haben". Was mag wohl Goethe im "Amadis" gefunden haben? Die unbeschwerte Naivität, wohltuend in der Zeiten Überspitzheit? Den natürlichen Anstand, den er im Alltag so oft vermißte? Oder eine Gefühlsseligkeit, die sich von selbst verstand und nicht zu stürmen und zu drängen brauchte wie einst "Werther"?

Was sich der Barockroman aus dem "Amadis" zum Vorbild nahm, war unheilvoll genug, wie alle Einflüsse, denen er verfiel: Er fand darin die Sentimentalität, das klägliche Geseufze – "süß und trüb" –, den unerträglichen Edelmut und die Länge, wenngleich sich die Nachfahren im großen und ganzen damit begnügten, Romanwälzer von zweitausend Seiten abzufassen.

Einer von ihnen hat die heroische Mode, das Philistertum des Grandiosen, die kalte Vorspiegelung hitziger Leidenschaften, die Registerarien der Gefühle nicht mitgemacht: Grimmelshausen, wenngleich selbst er, trotz aller erzählerischen Kraft und Selbständigkeit, nur zu oft dem Ungeschmack des Zeitalters erlag, vor dem es kein Entrinnen gab.

Aber in seinem "Simplicius Simplicissimus" wurde zum erstenmal der Charakter nicht umschrieben und nicht mit klassischen Vorlagen verglichen, sondern der problematische Mensch entwickelt und mit der Welt konfrontiert; zum erstenmal wurde die Zeit und das soziale Gefüge in der Handlung mitgestaltet; zum erstenmal gelang der Übergang vom Autobiographischen in die Romanform. Und wenn es, genau genommen, auch nicht zum erstenmal war – denn was wäre in der künstlerischen Schöpfung ohne Vorläufer? –, so war doch die Gußform geschaffen, aus der, nach zahllosen Unterbrechungen und Rückfällen, der psychologische Zeitroman im modernen Sinn hervorging. Eine neue Ausgabe

Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen: "Der abenteuerliche Simplicius Simplicissimus", mit 174 Handätzungen von Max Hunziker, Einleitung und Anmerkungen von Louis Wiesmann; Flamberg Verlag, Zürich; 432 S., 48,– DM

in stattlichem Werbeprämienformat (19 x 36 cm), zweispaltig gedruckt – was barock und modern zugleich wirkt – empfiehlt sich vor allem durch die Illustrationen von Hunziker, auch wenn sie auf den ersten Blick den Text zu erdrücken scheinen und es einer gewissen Gewöhnung bedarf, bevor sie ihre poetische und beklemmende Wirkung ausüben können. (Als Druckvorlage ist nur die Ausgabe der Büchergilde Gutenberg, Zürich 1945, genannt; über die editorische Handhabung ist nichts gesagt.)