Mode und Kultur in Hamburg vereint, das war Grund genug für einen Franzosen, der in Hamburg lebt, sich die Sache anzusehen. Die Kultur zwar spielt in Hamburg eine große Rolle, doch wird die Mode oft genug als nebensächlich abgetan. Kann daran der Besuch eines Pariser Modeschöpfers etwas ändern, den die "Vereinigung Mode und Kultur" alljährlich zu ihrem Ball einlädt?

Diesmal hatte man den jungen Yves-Mathieu Saint-Laurent aus Paris hergebeten. Der Name "Paris" hat, zu meiner immer neuen Überraschung, für die meisten Deutschen einen magischen Klang, ja, er läßt sie vor Ehrfurcht erschauern, ob sie die Stadt jemals gesehen haben oder nicht. Auf dem Ball der "Mode und Kultur" war Paris jedoch nicht das Zauberwort. An der Politik kann das doch wohl nicht liegen. Ich hatte gedacht, die Säle würden vielleicht in den französischen Farben geschmückt sein oder wenigstens eine französische Note erkennen lassen – aber nichts dergleichen! Nur zwei blau-weiß-rote Fähnchen sah ich auf dem Tisch der Air France und des Generalkonsuls. Dann gab es noch die französische Bar, wo man für 12,50 DM französische Austern verspeisen konnte. Aber wer will den Unterschied zwischen französischen und holländischen Austern feststellen? Sogar Kenner können sich dabei irren.

Von den Damen, die an jenem Abend gekommen waren, hätte man erwarten können, daß sie sich im Hinblick auf die französischen Modelle mit besonderer Eleganz gekleidet hätten. Aber ich sah fast nur schlecht geschnittene Kleider, bald zu kurz, bald zu lang, bald zu eng anliegend. Die meisten waren aus Brokat, schwarzrot, schwarz-gelb, schwarz-türkis. Taftkleider in grellen Farben: knallrot, giftgrün, goldgelb. Bald mit einer Rose auf der Brust, bald mit einer Schleife auf der Rückseite, bald mit zwei Flügeln an den Schultern garniert.

Muriel, eines der Mannequins aus dem Haus Saint-Laurent, war verstört und fragte mich: "Sind diese Frauen reich?" "Vielleicht." "Aber warum ziehen sie sich dann nicht schöner an?" Sie lächelte mokant und rief: "Sehen Sie nur den Gardinenstoff! Und die Schleifen! Überall Schleifen. Als dächten alle Frauen, sie wären Konfektschachteln. Herr Saint-Laurent müßte sich in Hamburg niederlassen. Er hätte ein weites Wirkungsfeld!"

Die kecke Muriel brachte einen Hauch von Paris in den Saal. Es war so einfach, mit ihr zu sprechen. Wir sahen eine Weile den Hamburgerinnen nach, Schönheiten darunter mit langen Beinen und einem geschmeidigen, fast erregenden Gang, der die Französin neidisch machte.

Aber die Gesichter waren kühl, undurchdringlich. Sie lächelten ohne Anteilnahme. Die Augen betrachteten, ohne einen Blick zu erwidern. Sie wichen aus. Muriel staunte ...

Georg-Louis Puech