Von Petra Kipphoff

Eine ungewohnte Stille lag über der Villa Elsinor, allerdings häufig unterbrochen von lautstarkem Wehklagen, das auf einen verwirrenden schmerzlichen Verlust hindeutete. Die Momebys hatten ihr kleines Kind verloren – daher der Friede, der eine Folge seiner Abwesenheit war – so beginnt eine Erzählung des Bandes von

Saki: "Die offene Tür und andere Erzählungen", ausgewählt und eingeleitet von Mary Hottinger, aus dem Englischen von Günter Eichel, Zeichnungen von Edward Gorey; Diogenes Erzähler Bibliothek, Diogenes Verlag, Zürich; 335 S., 14,80 DM.

Das ist, was auf Deutsch von manchen "geschmacklos" genannt würde, allenfalls, das heißt von solchen, die sich ein wissenschaftliches Air geben wollen, "schwarzer Humor". Woran übrigens die Tatsache, daß das Wort "verloren" ganz im harmlosen, diesseitigen Sinne gemeint ist (das kleine Scheusal taucht nur zu bald wieder auf), nicht viel ändert. Denn: mit solchen Dingen treibt man keinen Scherz.

Eine Erkenntnis, die den englischsprechenden Völkern verhältnismäßig fremd ist (und Saki, mit bürgerlichem Namen Hector Hugh Munro, geboren 1870, 1916 von der Hand eines deutschen Scharfschützen getötet, war Schotte). Deshalb können in jenen Breitengraden auch Filme entstehen wie jener von dem Mann, der, der Armut müde, auf der Rückseite eines traulichen Bildes einen Familienstammbaum aufzeichnet und genüßlich jeweils die Mitglieder ankreuzt, die er gerade vom Leben in den Tod gebracht hat ("Kind Hearts and Coronets"); deshalb kann ein ganzer Band Zeichnungen (von Ronald Searle) entstehen, in dem bösartige kleine Schulmädchen ihren Scotch Whisky aus dem Ranzen ziehen, Streitigkeiten mit Hockeyknüppeln austragen oder, nachdem sie alle Ausgänge verbarrikadiert haben, das Schulgebäude anzünden und die aus den Fenstern heraushängenden Lehrkräfte sachgerecht abknallen. In Deutschland bleiben solche Wünsche nur Träume, die sich nie anders objektivieren dürfen als in unterdrückten Flüchen und daher oft als lebenslanger Haß mit herumgetragen werden.

Sakis Geschichten sind weder "geschmacklos" (eine Urteilskategorie, die es mit diesem pikierten Unterton im Englischen nicht gibt) noch von fröhlicher Perversität, sondern, im Gegenteil, Zeugnis einer übergroßen Sensibilität, die sich nur weigert, im Gewande des Weltschmerzes einherzuschreiten.

Da wird in der ersten (und wahrscheinlich besten) Erzählung geschildert, wie Egbert zur Teezeit, gewohnte Stunde, in den leicht dämmrigen Salon der Lady Anne eintritt. Beim Mittagessen hatte es eine kleine Verstimmung zwischen den beiden gegeben, und so beginnt er die Konversation nach den Spielregeln, die bei solchen Vorkommnissen üblich sind. Lady Anne jedoch reagiert nicht, Egbert wird, nachdem die gewohnten Züge getan sind, leicht nervös, verkündet, er werde sich jetzt zum Abendessen umziehen, "und in seiner Stimme schwang die Andeutung seines festen Entschlusses mit, nicht zu Kreuze zu kriechen". Er verläßt das Zimmer – und der bis dahin Sahne schleckende Kater ist mit einem Satz auf dem Bücherregal, über dem Vogelkäfig. Ein Flügelschlagen, Kreischen – aber Lady Anne greift nicht ein, seit zwei Stunden ist sie tot.