Wie alle Institutionen in Deutschland und zahlreiche Menschen sind auch die Universität Bonn und die Mehrzahl der älteren Mitglieder ihres Lehrkörpers in die vom Nationalsozialismus bestimmten Verhältnisse zwischen 1933 und 1945 auf verschiedene Weise verstrickt gewesen. Im Bewußtsein dieser Tatsache waren und sind die Universität und die Angehörigen ihres Lehrkörpers ohne weiteres bereit, sich begründeter öffentlicher Kritik zu stellen. Die Verpflichtung der Wissenschaft zur Wahrhaftigkeit sowie die öffentliche Aufgabe der Universität fordern von ihr, daß in Hinsicht auf ihre Vergangenheit nichts von dem, was geschehen ist oder unterlassen wurde, beschönigt oder vertuscht, verschwiegen oder gar abgestritten wird. Die Verlautbarungen, die nach dem publizistischen Angriff auf den gewählten Rektor von der Universität Bonn herausgegeben worden sind, sind von verschiedenen Seiten in einem Sinne verstanden worden, der im Gegensatz zu dem erklärten Willen der Universität steht, der Öffentlichkeit Rede und Antwort auf die Frage nach dem Verhalten der Hochschule und ihrer Angehörigen während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft nicht schuldig zu bleiben. Die Universität bedauert es, daß dieser Eindruck entstanden ist. Sie begrüßt jeden Schritt, der geeignet ist, die verwickelten Fragen klären zu helfen, die ihre Verantwortung und ihr Schicksal in den dunklen Jahren betreffen.

Dies gilt auch für die Rolle, die die dem Lehrkörper angehörenden Personen in der nationalsozialistischen Zeit gespielt haben. Hierbei ist im Einzelfall die Abwägung persönlicher Schuld noch 1991schwieriger als die Abgrenzung von Versagen und Bewährung der Institutionen. Da eine Beschränkung der Wählbarkeit zu akademischen Ehrenämtern mit dem Wesen einer Korporation gleichrangiger und gleichberechtigter Professoren unvereinbar ist, muß die Universität es der persönlichen Gewissensentscheidung und dem Veractwortungsbewußtsein jedes einzelnen ihrer Angehörigen überlassen, ob sich ihm im Hinblick auf sein Verhältnis zum Nationalsozialismus Zurückhaltung bei der Übernahme derartiger Ämter empfiehlt. Dabei wird ein strenger Maßstab anzulegen sein.

Was die gegen den Rektor der Universität Bonn auf Grund eines 1935 erschienenen Artikels und eines von ihm mit zwei anderen Herausgebern 1938 veröffentlichten Liederbuches erhobenen Anschuldigungen betrifft, so konnten die dsr Öffentlichkeit unterbreiteten Zitate bei manchen Lesern den Eindruck erwecken, daß der Angegriffene sich seinerzeit zum Nationalsozialismus bekannt ist und ihn gefördert habe Äußerungen solcher Art, die der Autor längst nicht mehr vertritt, sind gewiß nicht leichtzunehmen. Die der Öffentlichkeit bereits mitgeteilten Umstände urd Tatsachen, die die Haltung des Rektors gegenüber dem Nationalsozialismus klarstellen, sowie die seinen Kollegen durch langjährige Zusammenarbeit bekannte menschliche und politische Integrität haben jedoch seinerzeit den Senat bestimmt, das ihm ausgesprochene Vertrauen zu bestätigen. Bonn, den 16. November 1964 Auszug aus einem Artikel in "Christ und WeL" vom 13. November 1964 daß Oertel nicht unterschrieben hatte, wäre in Hamburg von Anfang an bekannt gewesen, wenn Feuilletonchef Rudolf Walter Leonhardt einen Blick in sein Studienbuch geworfen hätte. Dort hatte Professor Oertel seinem Schüler Leonhardt testiert, sein Kolleg über Orientalistik gehört zu haben. Und in einer Sammlung von Briefen Thomas Manns, die 1963 im FischerVerlag erschien, steht schwarz auf weiß, wer 1936 untersdlrieb: Obenauer. Schließlich hätte sich auch durch einen Anruf bei Oertel klären lassen, warum Obenauer unterschrieb, während Oertel angeblich Dekan der Philosophischen Fakultät war. Denn: zwar hatte die Fakultät Oertel zum Dekan gewählt, aber er war durch den damaligen Rektor Professor Schmitz bereits im November abberufen und durch Obenauer ersetzt worden. Rektoren und Dekane wurden damals nicht mehr gewählt, sondern vom Staat eingesetzt. "Aus Notizen Prof. D. Dr. Paul Kahle", zusammengestellt von T. B. Kahle it der Ernennung von Karl Schmidt zum Rektor 193637 wurde endgültig die demokratische Führung der Universität unterbrochen. Der Rektor war auf unbestimmte Zeit bestellt, der Posten des Kurators wurde nach Abgang von Julius Bachern nicht wieder besetzt; und die Funktionen des Kurators führte der Universitätsrat Dr. Wildt durch, der auch praktisch als Stellvertreter des Kurators amtierte. Die Leitung der Universität wurde ganz in die Hände des Rektors gelegt, der praktisch als Führer der Universität fungierte. Wenn ein Rektoratswechsel kam, wurde der Nachfolger von seinem Vorgänger vorgeschlagen und vom Minister ernannt. Es oblag dem Rektor, die Anweisungen des Ministeriums und der Parteileitung durchzuführen. Da sowohl der Rektor als auch die Dekane für unbeschränkte Zeit ernannt wurden, wurden diese Positionen meistenteils auf politischer Grundlage besetzt. Die Fakultät als solche wurde von dem Dekan von Zeit zu Zeit zusammengerufen, um Mitteilungen bzw. Anweisungen zu empfangen, wobei aber Abstimmungen nicht stattfanden. Der Dekan führte in diesem Fall die Anweisung des Rektors bzw der darübergeordneten Stelle aus.

Diese Einrichtung führte dazu, daß Professoren, die selber politisch nicht interessiert waren — und hierbei handelte es sich um die Mehrheit — sich soweit wie möglich sowohl von der Fakultät als auch von der Universität fernhielten, um sich ihren Lehr- bzw. Forschungsarbeiten widmen zu können, da es ihnea doch klar war, daß sie an der höheren Ordnung weder etwas ändern noch irgendeinen Einfluß ausüben konnten.

Unter den vorerwähnten Umständen ist es wohl mit Sicherheit anzunehmen, daß die Entscheidung über die Aberkennung der Ehrendoktorwürde Thomas Manns entweder von dem Rektor bzw. dem Dekan oder aber von höhergeordneter Stellung beschlossen wurde.

Inwiefern die Fakultät als solche von einem derartigen Schreiben überhaupt informiert wurde, ist ausgesprochen fraglich.

Sie erhielt bis Ende September 1964, wer offiziell bei der zuständigen Bonner Fakultät nachfragte, inwieweit geklärt sei, was vor sich ging, als Thomas Mann der Ehrendoktor aberkannt wurde. | ie Streichung von Thomas Mann aus der Liste der Ehrendoktoren unserer Fakultät war eine unvermeidliche Folge seiner Ausbürgerung und ist auf Grund einer Verfügung der damaligen Regierung erfolgt. Der damalige Rektor hat selbst durch mehrere Telefongespräche mit den zuständigen Berliner Stellen die Entziehung des Doktorgrades abzuwenden versucht. Auch dem Reichserziehungsminisierium waren die Hände gebunden, da eine zwingende Vorschrift der gesamten Reichsregierung und die bindende Anordnung des damaligen Staatschefs vorlagen. Ein Widerstand der Fakultät wäre zwecklos gewesen. Sie ist auch von dem damaligen Dekan nicht befragt worden, vielmehr hat er, wie er selbst schreibt, diese Sache auf seine "eigene Kappe genommen", vor allem, um einen Konflikt zwischen Regierung und Universität zu vermeiden. Aus den Unterlagen der Fakultät geht klar hervor, daß die Initiative in Berlin gelegen hat.