Der oft verkannte Reiseleiter – Die Wissenschaft soll ihm helfen

Von Eka von Merveldt

In der stillen Zeit, nach der großen Reisesaison und vor Beginn der eigentlichen Winterreisezeit, versammeln die großen Touristik-Unternehmen ihre Reiseleiter, um ihre Erfahrungen im In- und Ausland auszutauschen und einen strategischen Plan für die Zukunft zu entwerfen. Eine regelrechte Ausbildung für den noch jungen Beruf des Reiseleiters gibt es bisher nicht, zudem versteht man darunter sehr verschiedene Beschäftigungen, und es fehlt auch nicht an diskriminierenden Urteilen. Profilierte Leute als Reiseleiter zu finden, fällt den Reiseunternehmen nicht leicht, besonders die Veranstalter von Jugendreisen bedauern den Mangel. In kurzen Einführungskursen werden die Reiseleiter von den Unternehmen für ihre zwar begehrten, aber schwierigen Aufgaben vorbereitet.

Hartnäckig hält sich die Klischeevorstellung, daß Reiseleiter Leute seien, die Touristengruppen voller Verachtung hin- und herbewegten, ihnen oberflächliche Angaben darüber machten, wie hoch, wie breit, wie alt eine Kirche sei, dazu ein paar lügenhafte Geschichten einflöchten, sie mit bunten Einfällen würzten. Die aber nicht mit sich spaßen ließen und das Technischorganisatorische mit der Uhr in der Hand regelten, beim Essen, beim Ein- und Aussteigen, beim Besichtigen, beim Einkaufen. Der Reiseleiter – ein Schausteller, ein Kabarettist, ein Zauber- und Gedächtniskünstler, ein Scharlatan. Am schlimmsten, am gefürchtetsten seien jene "verkrachten Existenzen", für die eine solche Reiseführung die heiß ersehnte Gelegenheit biete, alles an den Mann zu bringen, was sonst niemand von ihnen hören und drucken wollte.

Dann gibt es noch die Mutmaßung, was ein Reiseleiter sein sollte und sein könnte: Organisator, Dolmetscher, Psychologe, Beichtvater, Gesellschaftslöwe, Kindermädchen, Sportsmann, Kartenspieler, Topograph, Geograph, Kofferträger, Feinschmecker, Weinkenner, Photograph, Ethnologe, Kunstkenner, Historiker, Redner, Frühaufsteher, Nachtmensch, Astrologe. Nun, die meisten Reisenden, die bei der Wahl der Urlaubsreise schließlich doch die Gruppenreise der Preise oder der Bequemlichkeit wegen dem Einzelarrangement vorzogen, haben schon hier und da einen Reiseleiter kennengelernt oder wenigstens auf einer Stadtrundfahrt irgendwo draußen so einen "Stadtbilderklärer" erlebt (wie die Bezeichnung zum Beispiel heute in Ostberlin heißt) und sich dabei ihr oft negatives Urteil gebildet.

Nun gibt es aber so verschiedene Reiseleiter, wie es verschiedene Kunden, Reisende gibt, und es gibt Spitzenkräfte und ganz unzulängliche wie in allen Berufen.

Trifft man sie einmal in größerer Zahl – wie kürzlich bei einer Tagung des Reiseunternehmens Dr. Tigges auf einer Höhe des Schwarzwaldes –, so ist man mit weit gereisten, weltoffenen, höflichen, sprachgewandten Leuten zusammen, die ein wenig darunter leiden, daß ihre Beschäftigung so neu, so verkannt, eigentlich kein Beruf und auch nicht besonders gut honoriert ist. Denn sie sind auf Zeit engagiert und haben Pausen zwischen den Saisons. So sind heute verhältnismäßig viele Studenten und Doktoranden darunter, die ihre Jobs in den Ferien ausüben.