Während in der vergangenen Woche an der New Yorker Börse die Kurse weiter aufwärts kletterten und der Dow Jones-Index mit 892 seinen bisherigen Höchststand erreichte, erlebte die Londoner Börse am vergangenen Freitag ihren schwärzesten Tag seit der Kuba-Krise. Mit einem Kurssturz um 7,4 Punkte sackte der Index der Financial Times am Freitag auf 334,0. Hinter den Aktionären lag eine der schlechtesten Wochen. Denn der Börsenindex war um 15,4 Punkte gefallen, und über 400 Aktienkurse waren unter das bisherige Jahrestief gerutscht.

Wie war es zu dieser enttäuschenden Entwicklung gekommen? Mehrere Gründe haben dazu beigetragen. Einmal die allgemeine Unsicherheit, über das was kommt, und der Vertrauensschwund, hervorgerufen durch die jüngsten Maßnahmen der Labour-Regierung.

Die harte Kritik der EFTA-Länder auf der Genfer Tagung wegen des 15prozentigen Zollaufschlags und die Tatsache, daß das britische Pfund am Ende der vergangenen Woche nur dank des massiven Eingreifens der Notenbank gestützt werden, konnte, haben die Stimmung negativ beeinflußt. Und die Aussichten auf eine Diskonterhöhung, die die Wirtschaft bremsen würde, hatten in der vergangenen Woche den Kursverfall beschleunigt und das Kursniveau auf zwölf Prozent unter den Stand von Anfang Oktober gedrückt. Wie recht die Börse hatte, bewies der Montag, an dem der Zins, zu dem sich die Banken bei der Notenbank verschulden können, drastisch von fünf auf sieben Prozent heraufgesetzt wurde.

Daneben lastete noch die Ankündigung des Schatzkanzler Callaghan über eine Änderung der Besteuerung der Firmengewinne auf der City. Denn Einzelheiten darüber sind bislang nicht bekanntgegeben worden. Die Öffentlichkeit wurde auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet. Damit ist den Unternehmern eine wesentliche Grundlage für ihre finanziellen Entscheidungen genommen. Man wartet wie gelähmt ab und wird, vielleicht erst am Budget-Tag im April, Näheres erfahren.

Kopfzerbrechen verursacht in England die Antwort darauf, was geschieht, wenn die Besteueiung der Gesellschaften von der allgemeinen Einkommensteuer und einer Gewinnsteuer auf eine separate Körperschaftsteuer umgestellt wird. Eenn hier tappen Öffentlichkeit und Aktionäre imEunkeln. Sicher ist nur, daß die Gesellschaften mehr zahlen müssen. Unternehmen, die mehr als die Hälfte des Jahresgewinnes als Dividende abgeschüttet haben, werden nicht länger als gute Kapitalanlage betrachtet. Dies erklärt, weshalb es zu größeren Verkäufen bei bisherigen Börsenfavoriten wie zum Beispiel Marks & Spencer oder Woolworth gekommen ist. Aus dem gleichen Grunde hat man keine so gute Meinung mehr von den Aktien der Investmenttrusts. Besorgt wird die Frage erörtert, ob die Beteiligungserträge dieser Gesellschaften einmal durch die Körperschaftsteuer geschmälert werden und dann diese Steuer noch einmal von dem für die Dividende verfügbaren Überschuß entrichtet werden muß.

Hervorzuheben ist, daß Verkäufe des Auslandes die Börsenbaisse nicht verursacht oder nennenswert verstärkt haben. Auslandsengagements sind schon vor der Wahl im Juli oder August gelöst worden, so daß sich heute keine sehr großen Effektenbestände in ausländischer Hand befinden dürften.

Wenn zeitweise in britischen Stahlaktien spekuliert wurde, so kam das vor allem von amerikanischer Seite. Käufe, die vor den Unterhauswahlen vorgenommen wurden, sind bis heute nur in wenigen Fällen rückgängig gemacht worden. Dabei lassen sich die ausländischen Besitzer offenbar nicht von der Erwartung leiten, die Regierung Wilson werde stürzen, ehe sie mit der Verstaatlichung fertig ist. Vielmehr hoffen sie, daß die Entschädigung bei der Verstaatlichung vollauf genügt, das Festhalten an den Stahlaktien zu rechtfertigen. Ob die Regierung den Aktionären mehr Fairneß gegenüber an den Tag legen wird als bei der Verstaatlichung 1950/51, muß jedoch abgewartet werden. Johannes Uhlig