Die unheilige Allianz, Stalins Briefwechsel mit Churchill, erläutert von Manfred Rexin, Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg, 478 Seiten, Paperback, 14,80 DM.

Schon Cicero wußte: die sicherste Grundlage für ein Bündnis zwischen zwei Politikern ist der gemeinsame Haß gegen einen dritten. Nur die Herausforderung eines Hitler war in der Lage, eine Allianz zu schmieden zwischen der traditionsreichen Demokratie Großbritanniens und der revolutionären Diktatur der Sowjetunion. Die beiden Staatsmänner, die diese "politische Vernunftehe" schlossen, Stalin und Churchill, waren nicht weniger verschieden als die Staaten, die sie repräsentierten: Nach der ersten persönlichen Begegnung beider in Moskau schrieb der britische Generalstabschef Brooke in sein Tagebuch: "Churchill und Stalin sind absolute Gegensätze, und ich glaube nicht, daß es zwischen ihnen eine Freundschaft geben kann. Stalin ist ein Realist, wie er im Buche steht; für ihn zählen nur Fakten. Winston dagegen neigt stets dazu, Unannehmlichkeiten zu übersehen. Er appelliert bei Stalin an Gefühle, die, wie ich glaube, nicht vorhanden sind."

Der Großvater des einen war ein georgischer Leibeigener, der des anderen der siebente Herzog von Marlborough. Die mehr als fünfhundert Briefe, die beide zwischen 1941 und 1945 wechselten, haben diese Distanz nie aufgehoben. Stalin blieb immer unpersönlich, sachlich bis zur Kälte, vielleicht nicht nur aus politischem Kalkül, sondern stets sich bewußt, daß er dem Weltmann Churchill nicht salonfähig erscheinen mochte. Der britische Premier hingegen zeigte gelegentlich Anwandlungen von freundschaftlichem Pathos und vergaß vorübergehend seinen alten Abscheu vor dem Bolschewismus. Seine Briefe sind länger und zahlreicher. Die Hand zum Bündnis bot Churchill schon Mitte 1940, als Sir Stafford Cripps den britischen Botschafterposten in Moskau übernahm. Stalin schwieg, er wollte sich bei Hitler nicht verdächtig machen. Auch als Hitler in die Sowjetunion einrückte, ließ Stalin noch um sich werben. Und sein erster Brief an den britischen Premier enthielt schon die Forderung nach einer zweiten Front im Westen, von nun an ein ceterum censeo des Sowjetdiktators. Überhaupt suchte Stalin stets, seinem Briefpartner mit Mahnungen und Tadel ein schlechtes Gewissen zu machen. Dabei fehlte es nicht an geradezu grotesken Vorwürfen. So bezichtigte Stalin nach der Entdeckung der Massengräber von Katyn Churchill der "direkten Hilfe für unseren gemeinsamen Feind", weil die britische Regierung es zuließ, daß die Exilpolen in London eine Untersuchung des Internationalen Roten Kreuzes verlangten. Churchill fiel "diese ständige russische Nörgelei" frühzeitig auf die Nerven, wie er Eden gestand. Stalin allerdings ließ er seine Ungeduld nicht merken, beschwichtigte, wo er nicht helfen konnte und lobte überschwenglich den russischen Einsatz.

Das Mißtrauen war von vornherein groß und wuchs in dem Grade, wie die deutsche Macht zusammenschmolz und die Fragen der neuen Friedensordnung sich stellten. In den ersten Monaten des Jahres 1945 brach ein regelrechter psychologischer Krieg zwischen den Verbündeten aus. Die polnische Frage, die Verhandlungen der SS mit den Westmächten und das Wettrennen der Alliierten bei der Besetzung des Reiches ließen die Allianz zerbrechen, bevor Deutschland kapitulierte. Churchill sah, daß er in Stalin einen neuen Gegner hochgepäppelt hatte. Aber er konnte sich gegen den nun offen drohenden Herrn im Kreml nicht durchsetzen, da die Amerikaner vertrauensselig blieben.

Der Briefwechsel enthält eine solche Fülle von Informationen über den Krieg und die Politik im Schatten des Krieges, daß man sich gern ein Sachregister gewünscht hätte. An keiner Stelle verrät sich eine tatsächliche politische Freundschaft, denn die Karten, die hier aufgedeckt werden, sind meist gezinkt. Die Brüderlichkeit ist geheuchelt und auch die Enttäuschung oft nur gespielt. Rückblickend läßt sich dieses Urteil leicht fällen, da man die Hintergründe kennt, die Manfred Rexin übrigens vorbildlich erläutert. Rexin weist mit Recht darauf hin, daß auch "Jahrhundertgestalten" wie Churchill und Stalin nicht nur handeln, sondern auch getrieben werden. Weiter als Stalin ließ sich dabei Churchill von seinen politischen Idealen entfernen. Zwar war die Sowjetunion der Allianz bedürftiger als England, doch Stalin verstand es besser, sich rar zu machen. Davon profitierte er schließlich. – Wer entscheiden will, welcher von beiden den anderen überlistete, sollte den dritten nicht vergessen, dessen Name wie ein Schreckgespenst durch alle Briefe geistert.

Dieter Roß