"Mein lieber Kanzler, wie können wir die Einheit erreichen, wenn wir uns nicht über Ziel und Zweck eines vereinten Europas einig sind?" Mit dieser Frage schob Charles de Gaulle in seiner letzten Unterredung mit Konrad Adenauer die Bonner Vorschläge für eine Europa-Initiative beiseite.

Wie sich der französische Staatspräsident sein Europa vorstellt, deutete er am Sonntag in seiner Rede zum 20. Jahrestag der Befreiung Straßburgs vage an: "Es gibt im Zeitalter der nuklearen Drohungen und der atomaren Eskalation kein anderes Mittel, um im Ernstfall den alten Kontinent von Anfang an zu schützen und somit das atlantische Bündnis zu rechtfertigen, als die Organisation eines Europa, das es selbst ist, vor allem um sich zu verteidigen."

Mit der ganzen Beredsamkeit, die ihm zu Gebote steht, richtete de Gaulle noch einmal einen warmherzigen Appell an die Bundesrepublik, doch Arm in Arm mit Frankreich dieses "europäische Europa" aufzubauen – das er freilich auch mit keinem Wort näher definierte.

War dies die letzte Warnung de Gaulles an Bonn und Washington, sich nicht auf die MLF einzulassen? Die US-Regierung hat schon kühl die Folgen berechnet, die ein eventueller Austritt Frankreichs aus der NATO haben könnte.

  • Ein Auszug, der zwei Divisionen und der Luftstreitkräfte, die de Gaulle noch unter NATO-Kommando gelassen hat, würde kaum ins Gewicht fallen, da er sie im Falle eines Krieges mit der Sowjetunion doch wieder dem Bündnis unterstellen müßte.
  • Unangenehmer wäre die Forderung, alle NATO-Versorgungsbasen, Pipelines, Depots und Hauptquartiere in Frankreich abzubauen. Aber in den Niederlanden und Norddeutschland ließe sich notfalls ein neues logistisches System einrichten.

Auch Bonn hat bislang de Gaulles hartnäckigen Widerstand gegen die MLF gelassen hingenommen. Mit offener Enttäuschung aber reagierte die CDU/CSU, als auch die britische Labour-Regierung am Montag das MLF-Projekt zu verwerfen schien, denn Premierminister Wilson hütete sich vor einer klaren Aussage. "Wir sind unwiderruflich gegen mehr Finger am atomaren Abzug", sagte er im Unterhaus. Aber er erklärte zugleich: "In ihrer gegenwärtigen Gestalt und solange das amerikanische Veto absolut bleibt, bedeutet die MLF nicht, daß zusätzliche Finger an den Atomdrücker kommen."

Wilson will bei seinen Dezember-Gesprächen mit Präsident Johnson anbieten, Englands V-Bomber und Polaris-U-Boote als Beitrag zu einem "NATO-System der kollektiven Sicherheit" einzugliedern. Da sie anscheinend jedoch ausschließlich britische Besatzungen beibehalten sollen, bliebe der vorgesehene Verzicht auf das Recht, sie zu nationaler Verwendung zurückzuziehen, im Ernstfall theoretisch.

Johnson muß sich nun entscheiden, ob er das alte MLF-Projekt gegen Paris und London durchboxen will oder ob er den Einwänden nachgeben soll. Bisher hat er noch nicht erkennen lassen, was er vorhat.