Von Peter Stähle

Bonn, im November

Am vergangenen Wochenende wurde in Bonn ein Beamter rehabilitiert, der 19 Monate lang mit dem Makel eines Kriegsverbrechers behaftet und als "Henker von Mailand" angeprangert worden war: Kriminalrat Theo Saevecke, bis zum Frühjahr 1963 Referent für Hoch- und Landesverrat bei der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes. Saevecke ist jener Kriminalist, der im Oktober 1962 auf Veranlassung der Bundesanwaltschaft die Besetzung der Spiegel-Redaktion leitete.

Noch hatte sich die öffentliche Erregung über diese Affäre nicht gelegt, da wurde aus trüben deutsch-italienischen Quellen neues Öl ins Feuer gegossen. Just dieser Saevecke, so hieß es, habe früher den Rang eines SS-Hauptsturmführers besessen und in Mailand als SD-Mann gewütet.

Im Schatten des "Spiegel"-Skandals reagierte Bundesinnenminister Hermann Höcherl ungewöhnlich rasch: Am 24. April 1963 wurde Saevecke mit sofortiger Wirkung vorläufig des Dienstes enthoben. Am 16. Mai 1963 wurde der Ministerialrat Krause aus dem Innenministerium zum Untersuchungsführer in dem Disziplinarverfahren bestellt, das Höcherl als Dienstvorgesetzter gegen Saevecke in Gang gebracht hatte.

Die Maßnahmen des Innenministeriums gegen Saevecke mußten schon deshalb Aufsehen erregen, weil die Vergangenheit dieses Kriminalbeamten längst aktenkundig war. Entgegen seinem Wunsch, wie früher bei der berühmten Mordkommission Gennat am Alexanderplatz wieder auf dem Gebiet der Kapitalverbrechen arbeiten zu können, hatte ihn das Innenministerium 1952, in voller Kenntnis des SS-Ranges und der Polizeitätigkeit während des Krieges, ausgerechnet der politischen Polizei des Bundes eingegliedert.

Im Gegensatz zu anderen "Ehemaligen" war Theo Saevecke nach dem Krieg freilich nie untergetaucht. Er hatte nie Decknamen getragen, nichts aus seiner Vergangenheit verschwiegen, er war von einer Spruchkammer in Berlin-Neukölln (mit jüdischen Beisitzern) als "rehabilitiert" eingestuft worden (mit Bußgeld und Berufsverbot für eineinhalb Jahre), und er hatte von 1945 bis 1948 mehrere hochnotpeinliche Untersuchungen und Gerichtsverfahren unter alliierten Truppen und Besatzungsbehörden durchlaufen. Zuletzt stand Saevecke vor einer britischen Kriegsverbrecherkommission in Klagenfurt. Nichts blieb an ihm hängen – im April 1948 wurde er ohne alle Auflagen aus der Gefangenschaft entlassen.