In Frankfurt liefen Gerüchte um: Die Rothschilds kommen zurück! Tatsächlich sah es kurze Zeit so aus, als wollte die weitverzwe gte Familie, die seit eineinhalb Jahrhunderten zur Finanzaristokratie Europas gehört und Köilige und Fürsten finanziert hat, nach 63 Jahren wieder in ihrer Heimatstadt in dem altangestaramten Gewerbe, dem des Bankiers, Fuß fassen. Die Rothschilds, so hieß es, wollten sich an der Investition- und Handelsbank beteiligen, jenem Kreditinstitut, das der Münchner Finanzmakler Rudolf Munemann aufgebaut hatte, um sich Eintritt in den Kreis der Großbankiers zu verschaffen, und das heute zu 78 Prozent der Bank für Gemeinwirtschaft gehört.

Inzwischen zeigt sich, daß eine internationale Finanzgruppe in Paris, bei der unter 38 Namen auch einmal der Name Rothschild auftaucht, mit dem MünemannErbe europäische Pläne verwirklichen möchte.

Die Union Financiere de Paris besitzt eine Option zum Kauf von knapp 51 Prozent des Aktienkapitals von 41 Millionen Mark der IHB, die bis Mitte Januar 1965 laufe.

Die Union Financiere, die im französischen Wirtschaftsleben eine große Rolle spielen. Aufgabe dieser Finanzholding Gesellschaften ist es, Beteiligungen an Wirtschaftsunternehmen zu erwerben und zu verwalten. Durch die Beteiligung ron Banken und anderen Finanzierungsgesellschaften an solchen Finanzholdings entstehen dann häufig derart verschachtelte Konzerne, gegen die die so verzwickte Konzernstrukturen der Flick- oaer der Quandtgruppe beinahe ein Muster an Klarheit ist. Eine im internationalen Geschäft tätige große deutsche Bank machte jüngst beispielsweise den Versuch, den Verästelungen der RothschildInteressen nachzuspüren. Nach einem Tag harter Arbeit entrang sich einem Mitarbeiter an diesem Puzzlespiel der Stoßseufzer: "Selbst das kühnste Unternehmergehirn wird vor dieser Aufgabe kapitulieren Die Zettel mit den Kreuz- und Querverbindungen wanderten in den Papierkorb. Die Union Fmanciere ist ein junges Unternehmen, eine Societe en commandite simple, eine Kommanditgesellschaft also, die in Frankreich ebensowenig zur Veröffentlichung ihrer Geschäftsergebnisse verpflichtet ist wie in Deutschland. Sie wurde 1960 gegründet von drei Komplementären, deren Namen dem deutschen Leser wenig sagen, die jedoch in der Pariser Finanzwelt etwas bedeuten: Raymond Sucha Gueronik, Thierry de Clermont Tonnere und Jacques Barbat du Closel. Einziger Kommanditist war die Union des Mines in Paris. Inzwischen ist die Liste der Kommanditisten auf 38 angewachsen. Das Kapital der Finanzholding beträgt 15 Millionen Francs, doch niemand wagt eine Schätzung, welchen Wert die Beteiligungen und Aktienpakete der Union haben.

Die Liste der Kommanditisten liest sich yie ein Auszug aus dem Adreßbuch der französischen Hochfinanz. Da sind die bedeutenden Beteiligungsbanken, die banques daffaires, verzeichnet, allen voran die wichtigste, die Banque de Paris et des Pays Bas; da sind die Montankonzerne Pont ä Mousson und Schneider Creuzot; da sind renommierte internationale Institute wie die Banca Commerciale Itahana in Mailand, die Banque Lambert in Brüssel, die Basler Handelsbank, N. A. Bogdan & Co, in New York, Samuel Montagu in London und Pierson, Heldring & Pierson in Amsterdam.

Und dann taucht auch eine Compagnie Financiere auf, von der Kenner der französischen Verhältnisse wissen, daß sich dahinter der reichste Mann Frankreichs verbirgt, der Baron Edmond de Rothschild. Er ist, wie es heißt, mit 4 5 Prozent am Kommanditkapital der Union Finannere beteiligt Übrigens hat keiner der Kommanditisten mehr als fünf Prozent. Der Name Rothschild beflügelte natürlich die Phantasie der deutschen Presse In Paris heißt es allerdings, Edmond de Rothschild, ein Vetter des Familienoberhauptes und Chefs der Rothschlid Bank Guy de Rothschild, habe überhaupt erst aus der deutschen Presse von den Verhandlungen mit der Bank für Gemeinwirtschaft über die IHB erfahren.

Wie dem auch sei, sein Sekretär beantwortete am Telephon die Frage, ob die Compagnie Fmanciere an einer Beteiligung an einer deutschen Bank interessiert sei, mit einem kurzen: "Nein, überhaupt nicht!" Und hängte ein. In der Direktion der Union Financiere ist man vorsichtiger: "Wir wissen nicht, was in der Zukunft sein wird Wenn es nach Walter Hesselbach, dem Vorstandsvorsitzer der Bank für Gemeinwirtschaft, geht, wird jedenfals nicht die Union Teilhaber an der Investitions- und Handelsbank werden "Ich denke gar nicht daran, die Maiorität der IHB an eine anonyme Holding zu geben", sagt er.