er Roman einer Straße hat seit Wilhelm Raabe; "Chronik der Sperlingsgasse" nichts an Popularität eingebüßt. Vasco Pratolini hat mit seiner "Cronaca dei peveri amanti" zu diesem Genre beigetragen, und vor dem Krieg machte die "Rue du (hat qui pèche" von Jolan Földes ihre Runde durch alle Sprachen. Dort wurde ungarisches Emigrantenschicksal in einer kleinen Gasse am linken Seineufer aufgeblättert. Eine Pariser Straße ist auch der Held des Romans von

Robert Sabatier: "Der Tod des Feigenbaums"; Langen-Müler Verlag, München; 275 S., 16,80 DM.

Der Reiz solcher Montagen beruht im Durcheinanderschütteln, im Verknoten von Schicksalen. Sabatier, durch seine "Lichter von Paris" auch im deutschen Sprachraum bekannt geworden, bündelt gestrandete Existenzen. Stavro von Nauplia ist ein Schwadroneur aus der griechischen Hafenstadt, später Erbe homerischer Seehelden und ihrer Suada, fern vom Mittelmeer in einer weltvergessenen Nebenstraße der französischen Metropole auf Sand gelaufen; Gambrinus, ein deutscher Emigrant, der seine jüdische Frau verloren hat und im Rufe steht, Nachkomme des Erfinders des Biers zu sein; ein italienischer Instrumentenbauer; eine berufsmüde Kokotte – wir befinden uns unweit des Montmartre. Pezner, der lebenstrotzende Verbrecher, ist der Polizei entwischt und sucht hier auf einem Dachboden Zuflucht, von dem Griechen bewundert und durchgefüttert. In langen Tagen des Wartens mustert er von seinem Versteck aus das verfallene Schlößchen einer ungarischen Aristokratin, der sadistischen Tochter eines halbverrückten Diplomaten. Da weiß er: wenn er aus seinem Versteck ausbrechen wird, dann nur ihrethalben.

Dieser Ausbruch erfolgt und bringt alle Existenzen der kleinen Straße ins Wanken – sofern dies noch möglich ist.

Sabatier, als Gassenjunge auf dem Montmartre aufgewachsen, später Journalist, Lyriker, Essayist und mit diesem Roman Träger des Prix Richelieu 1963, zeigt sich nicht bloß als Milieukenner. Er hat eine Ader für das Brüchige, Preisgegebene seiner Charaktere, für den Schwebezustand ihrer Existenz.

Otto F. Beer