Pierre Kovalevsky: Bildatlas der Kultur und Geschichte der slawischen Welt; BLV Verlagsgesellschaft, München; 218 Seiten, 54,– DM.

Der Versuch Deutschlands, in den Jahren zwischen 1939 und 1944 Osteuropa unter seine Botmäßigkeit zu bringen, scheiterte, und Sowjetrußland übernahm die Führung. Alle slawischen Völker gerieten in eine Abhängigkeit von Rußland, die es vorher nie gegeben hatte. Der Prozeß der politischen Individuation wurde jäh gebremst. Die slawische Welt übernahm die Staatslehre marxistisch-leninistischen Musters und bietet heute trotz mancher Abweichungen im einzelnen ein Bild politischer Geschlossenheit, das in ihrer Geschichte ohne Beispiel ist.

Diese Situation leistet dem Bequemlichkeitsdenken so vieler erneut Vorschub, die im Slaventum wie einst eine quantité négligeable sehen. Das Gerede vom "slawischen Wesen" und von der "russischen Seele" will nicht verstummen und verdeckt doch im Grunde genommen nur die riesigen Lücken im Wissen von unseren östlichen Nachbarn. Genaues Unterscheidungsvermögen tut gerade den Deutschen hier bitter not, da die unmittelbare Bedrängnis aus dem Osten für uns am größten ist. Ein Bildatlas, der Einheit und Vielfalt der slawischen Welt sichtbar macht, der das Nachwirken uralter Traditionen bis zur heutigen Form des Nationalkommunismus aufzeigt, kann auf sehr eindringliche Weise dazu beitragen, Versäumtes nachzuholen.

Pierre Kovalevsky, Direktor des wissenschaftlichen russischen Instituts an der Pariser Universität, mit 630 Photos, 15 ganzseitigen farbigen Karten und einem umfangreichen Textteil versucht, politische und Kulturgeschichte der Slawen von der Völkerwanderung bis zum Astronauten Gagarin darzustellen. Die Behandlung eines so umfassenden Themas durch einen einzigen Gelehrten bietet den Vorteil der Einheitlichkeit, sie wird wirklich erfolgreich aber wohl nur von mehreren Fachleuten auszuführen sein. Zu loben ist die leichte Faßlichkeit des Stils, andererseits erliegt der Verfasser oft der Gefahr, zuviel bieten zu wollen und dabei im Detail unpräzise zu sein. Was soll man etwa mit einer Aussage über Tschechow anfangen, von dem lediglich behauptet wird, er sei der "letzte russische Klassiker", habe "neue Wege beschritten und damit der modernen Literatur zum Durchbruch verholfen"?

Auch sachliche Fehler haben sich eingeschlichen und hätten doch wohl nach Rücksprache mit dem Autor durch den im übrigen sehr gewissenhaften deutschen Bearbeiter getilgt werden sollen. Der Stalinismus dürfte wohl hinlänglich gezeigt haben, daß "Geschmeidigkeit in der Anpassung der Politik an die jeweiligen Umstände, ohne dabei die Grundlagen der marxistischen Lehre aufzugeben", keineswegs eines der "Hauptmerkmale im Wesen der Kommunistischen Partei" ist, wie Kovalevsky meint.

Unverkennbar ist das Bemühen des Verfassers um Objektivität, wiewohl er der Emigration und der orthodoxen Kirche angehört und der Entstehung der Sowjetunion Schwerlich vorurteilsfrei gegenüberstehen kann. Der Leser hätte aber lieber eine ausgesprochen negative Einstellung zur Sowjetunion in Kauf genommen als eine Darstellung, die sich über die tieferen Ursachen der Revolution und über die Chancen ihres Gelingens so gut wie ausschweigt. Daß Kovalevsky die deutschen Ostgebiete der Volksrepublik Polen definitiv einverleibt, darf nicht wundernehmen. Es ist in Publikationen des westlichen Auslandes zunehmend Brauch geworden.

Als Bildwerk – und das will dieser Atlas ja vor allem sein – besitzt das Buch weitaus mehr Vorzüge. Mag auch die Fülle der auf einer Seite versammelten Bilder manchmal erdrückend erscheinen, so ist doch die Zusammenstellung des vielfältigen Materials ohne Zweifel eindrucksvoll. Leicht lassen sich Lücken aufzeigen, aber im großen und ganzen bietet der Band für einen aufmerksamen Betrachter einen Anschauungsunterricht im besten, buchstäblichen Sinne.

Günther Specovius