Von Fritz Eberhard

Walter Lippmann: Die öffentliche Meinung; Verlag Rütten und Loening, München, 28S Seiten, 13,80 DM. "

Dieses Buch ist 1922, also kurz nach den Erfahrungen mit der Propaganda im Ersten Weltkrieg, in Amerika erschienen. Der Verfasser ist amerikanischer Journalist. Im gleichen Jahr ist in Deutschland "Die Kritik der öffentlichen Meinung" von Ferdinand Tönnies erschienen. Der Verfasser war deutscher Professor. Die Bücher sind daher sehr verschieden. Gut, daß nun auch Lippmanns Buch auf Deutsch vorliegt, nachdem, es. in Amerika bereits als "klassisch" bezeichnet worden ist und wichtige Abschnitte in die Lehrbücher für amerikanische Studenten der Publizistik aufgenommen worden sind. Freilich erwähnt Lippmann – 1922! – den Rundfunk nur am Rande und das Fernsehen überhaupt nicht, und er kann nur erste Versuche mit Umfragen schildern. Aber das Buch ist trotzdem auch heute noch wichtig wegen seines Ideenreichtums und der Fülle der Beispiele. Lippmann beschreibt systematisch die Funktion der öffentlichen Meinung und der öffentlichen Meinungen im Prozeß der demokratischen Willensbildung. Hier hat ein Mitgestalter von Meinungen über seine Funktion redlich nachgedacht.

Was nennt er "öffentliche Meinung"? Das ergibt sich aus seiner das ganze Buch durchziehenden Gegenüberstellung von der "äußeren Welt" und den "Bildern in den Köpfen der Menschen": "Bildern von ihnen selber, von anderen, von ihren Bedürfnissen, Zielen und Beziehungen zueinander". Das nennt er ihre "öffentlichen Meinungen". "Diejenigen Bilder, nach denen ganze Gruppen von Menschen oder Individuen im Namen von Gruppen handeln", nennt er "die öffentliche Meinung". Die Bilder decken sich nicht mit der Wirklichkeit, das führt die Menschen im Umgang mit der äußeren Welt immer wieder in die Irre. Eingehend behandelt Lippmann die Rolle der Stereotypen (die Verwendung dieses Ausdrucks wird vielfach auf ihn zurückgeführt, ist aber viel älter). Die Stereotypen als vorgeprägte Bilder machen die Welt überschaubar. Sie sind "eine Methode, der großen, blühenden, summenden Unordnung der Wirklichkeit eine Ordnung unterzuschieben". Aber sie sind auch eine Gefahr. "Sie sind die Festung unserer Tradition." "Denn, wenn ein System von Stereotypen gut verankert ist, wendet sich unsere Aufmerksamkeit den Tatsachen zu, die es stützen, und von den anderen ab, die ihm widersprechen." Mit Hilfe der Stereotypen vollzieht sich also das Denken, ja schon das Beobachten, in vorgezeichneten Bahnen. Jeder Propagandist wünscht das von seinen Zielpersonen.

Lippmann setzt sich im einzelnen mit Theoretikern der Demokratie auseinander, die gutinformierte, unabhängige Wähler voraussetzen. Er behauptet demgegenüber, "daß alles, was der Mensch tut, nicht auf unmittelbarem und sicherem Wissen beruht, sondern auf Bildern, die er sich selber geschaffen oder die man ihm gegeben hat". Propaganda bedeutet für ihn "die Bemühung, das Bild zu ändern, auf das die Menschen reagieren". Lippmann bringt dafür großartige Beispiele.

Faszinierend ist seine Schilderung aus dem französischen Generalstab, wie 1916 Generale den Heeresbericht über den Beginn der Schlacht um Verdun formulieren. Das ist bester differenzierender Journalismus. Das übliche Stereotype des Generals wird dabei ersetzt durch eine Tatsachenbeschreibung, von der Lippmann selber sagt: "Das Bild von einem General, der in der schrecklichsten Stunde einer der großen Schlachten der Geschichte den Vorsitz über eine Redaktionskonferenz führt, ähnelt mehr einer Szene aus dem ‚Pralinesoldaten‘ als einer Episode aus dem Leben."

Die eingehende Schilderung der Entstehung der vierzehn Punkte Wilsons, die Analyse einer Wahlrede des Präsidentschaftskandidaten Hugh von 1916 werden bei Lippmann Lehrstücke der Propaganda. Sie sind heute so lesenswert wie eh und je.