Oppenheimer: Arzt und Nationalökonom

Franz Oppenheimer: Erlebtes, Erstrebtes, Erreichtes, Lebenserinnerungen; Joseph Melzer Verlag, Düsseldorf; 372 Seiten, 24,80 DM.

Neben Adolf Damaschke gilt Franz Oppenheimer weithin als der wichtigste Vertreter der deutschen Bodenreformbewegung. In der von ihm konzipierten und auch praktizierten Form erinnert sie an frühsozialistische, modellkommunistische Gemeinwesen in überseeischen Kolonialgebieten, zugleich fordert sie Vergleiche herauf mit der Bodenreform und "single-tax-Bewegung" von Henry George in den Vereinigten Staaten. Während Damaschke aber sein wirtschaftstheoretisches und wirtschaftshistorisches System vor allem auf spätphysiokratischen Überlegungen aufbaute, entsprang der spezifische Beitrag Oppenheimers zur Bodenreformdebatte einer massiven Kritik am monopolisierten Industrialismus, kein Wunder also, daß er zu den kritischen Bewunderern von Karl Marx zählte.

Er glaubte nachweisen zu können, daß ein offenes oder verstecktes Bodenmonopol die Lebensbedingungen eines freien Bauerntums behindere, weshalb die Umschichtung der Besitzverhältnisse sowie die Verteilung von "Freiland" notwendig seien. Es sei dahingestellt, wie weit Oppenheimer sich als liberaler Sozialist und Begründer einer Wirtschaftsgesinnung, die in Ludwig Erhards sozialer Marktwirtschaft Nachklänge findet, Realist oder Utopist war.

Die wirtschaftsgeographische Struktur sowie die schnelle, räumlich aber ungleiche Industriealisierung in West- und Ostdeutschland, die Bodenspekulation (die Oppenheimer als Kind in Berlin buchstäblich vor Augen hatte) hatten seit der Reichsgründung die Frage nach der Zukunft der deutschen Landwirtschaft zu einem zentralen politischen Thema werden lassen, bevor die Blutund-Boden-Ideologen die politische Bühne betraten. In den Beratungen des ehrwürdigen Vereins für Sozialpolitik sowie in den Forschungsarbeiten vieler namhafter Sozialökonomen (allen voran Max Weber) spielten die Zusammenhänge zwischen Gesellschaftsordnung und Agrarstruktur stets eine entscheidende Rolle. Oppenheimer hat später sein eben im Verlage Gustav Fischer in neuer Auflage erschienenes Hauptwerk, sein "System der Soziologie", fast ausschließlich der Frage der vielfachen Beziehungen zwischen Gesellschafts- und Agrarverfassung gewidmet, wobei er weit über die zum Teil recht einseitigen Thesen Damaschkes hinausging.

Oppenheimer war ein Mann der Tat, So nimmt es nicht wunder, daß der erst mit 45 Jahren auf Grund seiner bis dahin erschienenen Schriften habilitierte Gelehrte, der ursprünglich Arzt gewesen war, einen steten Argwohn seiner Fachkollegen wachhielt. Seine Behandlung als Wissenschaftler durch die Universitäten und Fakultäten stellt, liest man die entsprechenden Seiten mit dem notwendigen Verständnis für Oppenheimers Ironie und seinen häufig kaum verdeckten Spott, kein Ruhmesblatt dar für die jüngere deutsche Universitätsgeschichte. Mancher heute diskutierte Gedanke zur Hochschulreform wird wachgerufen. Kleinliche Bedenken und Formalien mußten überwunden werden, und einen wirklichen Mentor hat der mutige Sozialpolitiker an einer deutschen Universität nie gefunden. So beschränkte sich denn auch seine akademische Lehrtätigkeit auf nur ein Jahrzehnt an der Universität Frankfurt am Main, das genügte ihm freilich, mit selten gewordenem pädagogischen Geschick einen namhaften Schülerkreis heranzubilden, durch den noch heute Oppenheimers wirtschafts- und sozialpolitische Ideen wirksam sind. Ludwig Erhard, der auch das Vorwort zu diesem Buche schrieb, darf als der Paradefall gelten.

Vom Lehrstuhl in Frankfurt führte Oppenheimers Weg auf das Gut Lüdersdorf, wo er im Kleinen seine agrarpolitischen Ideen zu verwirklichen trachtete. Als er unter der nationalsozialistischen Herrschaft Deutschland schweren Herzens verlassen mußte, führte ihn sein Weg nach Palästina, das wie geschaffen schien für neue agrarsoziale Strukturen. Ein hartes Emigrantenschicksal freilich gönnte ihm den erhofften Erfolg nicht. Über Japan wanderte er in die Vereinigten Staaten aus, wo er, bis zum Lebensende publizistisch tätig, während des Zweiten Weltkrieges starb.

Die Lebenserinnerungen lassen noch einmal auch den Berliner Oppenheimer sprechen. Geistige Frische, gedankliche Schärfe und beseelter Humor gehörten einem Mann mit Zivilcourage und viel Glauben an die eigene Sache. Der agrargenossenschaftliche Gedanke bedeutete ihm, auch das wird deutlich, keine bloße Mittelstandpolitik. Die Gesellschaft sollte durch die Beseitigung nicht nur des ostelbischen Bodenmonopols von Grund auf erneuert werden. Als ausgezeichneter Kenner der Marxschen Ökonomie wollte er dem radikalen sowjetischen Kommunismus eine freie Agrar- und Gesellschaftsordnung entgegensetzen. Franz Oppenheimer, der seine Zugehörigkeit zum Judentum bewußt lebte, erweist sich in diesem Buche als Deutscher, dessen Zuneigung über alle tagespolitischen Zwistigkeiten und auch persönliche Behinderungen seines sozialpolitischen Wirkens hinweg einem Staate galt, der seinen Glaubensbrüdern wenige Generationen zuvor Gedanken- und Religionsfreiheit gewährt hatte: Preußen. In unserer Zeit mit ihren Gefahren klischierter Geschichtsbilder sollten gerade die Jüngeren diese Seite des Verhältnisses zwischen Persönlichkeit, Leben und Lehrwerk Franz Oppenheimers erkennen. Lutz Köllner