Vor fünf Jahren ist er in Hamburg gestorben: am 29. November 1959, und in ärmlichen Verhältnissen. Er hatte sich auf den damals bevorstehenden fünfundsechzigsten Geburtstag, also auf den 17. Dezember, gefreut, da er hoffte, dann werde wohl auch wieder einmal in der Presse aus solchem Jubiläumsanlaß seiner gedacht werden.

Erlebt hat er diesen Geburtstag nicht mehr – und auch nicht die Uraufführung seines Schauspiels "Die Trümmer des Gewissens", das ihn als letzte große literarische Arbeit unablässig beschäftigt hatte; so daß der Abschluß des epischen Hauptwerks "Fluß ohne Ufer" immer wieder hinausgeschoben wurde.

Übrigens wäre auch diese Uraufführung, hätte er sie erlebt, für Jahnn zu einer neuen Enttäuschung geworden: einer doppelten Enttäuschung sogar, denn die literarischen Einwände gegen das im ganzen mißglückte Atomstück liegen auf der Hand – und in der politischen Wirkung, auf die es Jahnn vor allem ankam, läßt es sich nicht entfernt mit Kipphardts "Oppenheimer" oder auch mit Dürrenmatts "Physikern" vergleichen.

Über dem Leben dieses Mannes, der ganz sicherlich ein großer Mann war, liegt im Ganzen wie in zahllosen Einzelheiten ein Mißgeschick. Wer Jahnn nur nach seinen in Form und Thematik oft ungeheuerlichen Werken beurteilen wollte, mußte annehmen, hier schreibe ein Mensch, der mit bitterer Entschlossenheit gewillt sei, außerhalb unserer Welt und gegen unsere gesamte Gesellschaft zu leben: gleichsam ein Arno Schmidt in gigantischer Ausführung. In Wirklichkeit blieb Hans Henny Jahnn stets ein Hamburger Bürgersohn, der es sich herzlich angelegen sein ließ, in der Gesellschaft nützlich zu sein und Leistungen zu vollbringen, die einem – nach seiner Meinung – besseren Leben der Gattung Mensch dienen sollten. Alles war echte Leistung, was der Orgelbauer, der Musikforscher, der Hormonforscher, der Pferdezüchter Jahnn neben seinem dichterischen Werk vollbrachte. Allem aber war jener Zug der Maßlosigkeit eigen, der verhinderte, daß diese wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeiten wahrhaft nützlich werden konnten.

Das gleiche Mißverhältnis zwischen Werk und Wirkung ist auch für sein Dichten kennzeichnend geblieben. Auch dort, wo seine Dramen, Erzählungen und Romane in ihrer Bedeutung erkannt wurden, blieben sie weit davon entfernt, jene außerliterarische, weltverändernde Wirkung auszuüben, auf die einzig es dem Dichter ankam. Der Menschheits- und Bürgerdienst des Hans Henny Jahnn wurde nicht angenommen. Alles blieb "bloß" Literatur. Bedeutende freilich.

Auch meine letzte Begegnung mit Jahnn stand – im Zeichen eines solchen Mißverständnisses oder auch Mißgeschicks. Das war vor fünf Jahren, im Monat seines Todes. Jahnn war zu den Schiller-Feiern nach Weimar eingeladen worden, und er hatte die Einladung angenommen. So hörte er brav im Nationaltheater die Schiller-Rede Alexander Abuschs und nahm am Abend des 10. November an einem großen Empfang im "Elephant" teil, einer Festivität von makabrer Lustigkeit. Wozu übrigens auch die Anwesenheit des Perrudja-Dichters gehörte. Am andern Morgen, am 11. November also, traf ich Jahnn noch einmal im Park von Schloß Belvedere. Er war hinaufgeflüchtet, um der Erkenntnis zu entgehen, daß auch diese Reise nach Weimar eigentlich etwas ganz anderes geworden war, als er sich erhofft hatte. Der Zufall führte uns am Wochenende in Berlin noch einmal am Bahnhof Friedrichstraße zusammen, wo Jahnn sich die Fahrkarte nach Hamburg kaufte. Die letzte Eisenbahnkarte. Er war stark erkältet und fühlte sich fiebrig. Vierzehn Tage später war er tot.

Erinnerung an Hans Henny Jahnn muß heute immer ein Doppeltes meinen: Erinnerung dessen, der ihn gekannt hat, an den Menschen und Werkschöpfer. Man erinnert sich an Begegnungen mit Jahnn. Aber man erinnert auch an Hans Henny Jahnn. Erinnernde Mahnung an die wirklichen – vorerst noch arg verkannten – Dimensionen seines Werks.