Von Walter Abendroth

Während es im allgemeinen heute üblich ist, zu propagieren, was ohnehin im Schwange und mithin das Alltägliche ist, hatte die Bayerische Akademie der Schönen Künste" den lobenswerten Einfall, einen "Wettbewerb zur Förderung der Bildniskunst" auszuschreiben. Die Künstler Bayerns – auf diese war die Konkurrenz beschränkt – sollten dadurch ermutigt werden, nach Ausdrucksmöglichkeiten auf diesem vernachlässigten Gebiet zu suchen".

Daß eine derartige "Ermutigung" angebracht erscheint, ergibt sich aus der weitverbreiteten Meinung, die Darstellung des Menschen, vor allem der wirklichkeitsgemäß erfaßten, erkennbaren Individualität, sei keine Aufgabe der Kunst mehr, seitdem die Photographie eine solche Aufgabe viel vorteilhafter löse. Eine These, über die man sich nur wundern kann, vor allem darüber, daß sie nicht nur von ahnungslosen Banausen, sondern auch von Malern vertreten wird, die doch wissen sollten, daß keine noch so geschickte Lichtbildaufnahme der Wahrheit so nahe zu kommen vermag wie ein gutes Porträt von berufener Malerhand; schon darum nicht, weil die Photographie immer nur den Ausdruck eines Momentes zu fixieren imstande ist, nicht die wechselvolle Wirklichkeit der dauernden Erscheinung.

Die zeitübliche Verkennung dieses Sachverhalte: basiert vor allem auf einer allzu primitiven Interpretation des Begriffs "Ähnlichkeit". Um ihn könnte es gar keinen Streit geben, wenn man ihn nicht immer wieder auf die anatomische "Genauigkeit des Körperlichen" einengte, während er doch das "Sichtbarwerden des Wesens" bedeutet. So verstanden, kann "Ähnlichkeit" gar kein Streitobjekt sein, sondern sie zu fordern, ist eine Selbstverständlichkeit. Die Frage aber, wieweit "Wesensähnlichkeit" auf anatomische "Richtigkeit" angewiesen ist, wird sich von Fall zu Fall anders beantworten lassen.

Grundsätzlich zu bestreiten, daß ein Mensch erwarten dürfe, im Porträt seine Persönlichkeit wiederzuerkennen, ist eine Torheit. Ein Bildnis, dessen Autor bekennt, daß es ihm auf die Darstellung der Person gar nicht angekommen sei, sondern nur auf sein malerisches Erlebnis, kann jedenfalls nicht beanspruchen, als Porträt anerkannt zu werden. Es mögen aber wohl jene Sachkenner recht haben, die jederzeit das echte Porträt für eine der höchsten Kunstleistungen gehalten haben, weil sich eben an der Forderung, das subjektive malerische Erlebnis mit der objektiven "Ähnlichkeit" in Übereinstimmung zu bringen, Können und geistige Gestaltungskraft erst bewähren ...

Auf den Aufruf der Bayerischen Akademie hin sind mehr als 900 Arbeiten eingesandt worden, unter denen – vielleicht bezeichnenderweise – viele von jungen Malern kamen, sogar solchen, die noch die Akademie besuchen. Zehn Künstler wurden mit Preisen ausgezeichnet: Hassan Hosseinzadhe, Bill Nagel, Karl Sperl, Helmut Hoffmann, Albert Ferenz, Manfred Mayerle, Rudolf Tröger, Waltraud Aussermeier, Franz Doll und Gerda von Stengel. Ihre Bilder, zusammen mit Arbeiten der nicht ausgezeichneten Einsender – im ganzen 150 Gemälde und Zeichnungen von 70 Malern und 32 Malerinnen – werden bis zum 17. Januar 1965 im Prinz Carl-Palais zu München gezeigt.

Der Eindruck der Ausstellung rechtfertigt die Initiative der Bayerischen Akademie durchaus: Es steht fest, daß die Kunst des Porträtierens weder erloschen ist noch an einem Mangel verbliebener Möglichkeiten krankt. Wenngleich – wie in jeder derartigen Schau – der qualifizierte Durchschnitt vorherrscht, so gibt es, insbesondere bei den Preisträgern, doch Bildschöpfungen von starker Eigenprägung, in der Auffassung wie in der malerischen Ausführung.