Von Vitus Dröscher

Das menschliche Auge ist, physikalisch gesehen, eine Fehlkonstruktion. Ein Modellversuch zeigt: Gerade Linien werden auf der Netzhaut krumm abgebildet, die Randverzerrungen sind schlimmer als bei einem Drei-Mark-Kinderfernrohr, alle Konturen verschwimmen unter regenbogenartigen Farbrändern. Allein der Mensch merkt nichts davon. Doch das verdankt er lediglich seiner Einbildungskraft. Nervensysteme korrigieren die Fehler so vollendet, daß uns die Umwelt photographisch einwandfrei erscheint.

Zu diesem verblüffenden Ergebnis kam jetzt Dr. Anton Hajos am Institut für Experimentelle Psychologie der Universität Innsbruck. Erregende Versuchsserien lieferten weitere Beweise. Er und seine Studenten trugen stark verzerrende Prismenbrillen viele Tage oder Wochen.

"Die Versuchsperson wird für die Dauer des Experiments völlig in eine von der Prismenbrille umgestaltete Welt verdammt, in der gerade Linien gekrümmt, Winkel verzerrt, scharfe Konturen mit farbigen Rändern überzogen erscheinen. Gegenstände befinden sich nicht dort, wo sie die Versuchsperson zu sehen glaubt, die Objekte führen geisterhafte Bewegungen aus, sobald die Versuchsperson den Kopf bewegt, schwere Gegenstände scheinen sich leichtfüßig zu bewegen, wenn die Versuchsperson einige Schritte wagt."

Doch schon nach wenigen Tagen normalisiert sich die groteske Welt des Prismaträgers. Langsam werden die Verzerrungen, Farbränder und "Geistererscheinungen" schwächer, und nach etwa sechs Tagen hat der Experimentator wieder den Eindruck eines normalen, stabilen, optisch nahezu einwandfreien Umweltbildes. Das Nervensystem hat das Täuschungsmanöver der Brille in seinen Bildverarbeitungsoperationen ausgeglichen.

Aber damit noch nicht genug: Wenn die Versuchsperson die Prismenbrille absetzt, erscheint ihr die Welt wieder im Zerrspiegel eines Lachkabinetts. Nur biegen sich gerade Linien jetzt nach der anderen Seite und die Konturen verschwimmen in den Komplementärfarben.

Noch erstaunlichere Resultate lieferte ein weiteres Experiment, das Professor Ivo Kohler ebenfalls an der Universität Innsbruck durchführte. Versuchspersonen, die sich im Stadium des Farbränder-Sehens befanden, wurden in einen nur mit Natriumlicht beleuchteten Raum gebracht. Reines Natriumlicht ist monochromatisch gelb und besitzt keine Spur anderer Farbanteile. Deshalb sieht ein Mensch normalerweise in einem solchen Raum alle Gegenstände nur gelb in gelb. Nicht so die Prismenbrillenträger, die bei gewohnlicher Beleuchtung. Farbränder sahen, oder die der Prismenbrille noch nicht Entwöhnten. Ihnen erschienen alle Gegenstände nach wie vor in voller, in Wirklichkeit gar nicht vorhandener Farbenpracht.