J. Sch., Washington, im November

Eine halbe Stunde vor dem in der deutschen Botschaft arrangierten Herrenessen mit Dean Rusk mußte sich Außenminister Gerhard Schröder am Montagabend mit hohem Fieber ins Bett legen: Folge einer Pockenimpfung vom 14. Oktober. Die Gespräche mit den amerikanischen Kabinettsmitgliedern mußten unterbrochen werden.

Schröders erste Unterhaltungen mit Rusk, seinem Vertreter George Ball und dem Handelsbeauftragten Herter hatten sich in einer unwirklichen Atmosphäre abgespielt. Obgleich die gemischte Atomstreitmacht MLF nicht im Mittelpunkt der Beratungen stand, drehte sich dennoch fast alles um sie. Der in Texas weilende Präsident Johnson hat noch immer keine endgültige Stellung bezogen; er tastet sich vorsichtig an eine Begegnung mit General de Gaulle im nächsten Jahr heran, um die tieferen Ursachen der französich-amerikanischen Meinungsverschiedenheiten zu ergründen. Bis dahin will sich Johnson nicht unwiderruflich auf das Projekt festlegen, in dem de Gaulle einen Ausdruck der "amerikanischen Herrschaft über Europa" sieht und an dem er die definitive militärpolitische Bindung der Bundesrepublik an die Vereinigten Staaten befürchtet. Nur wenn mit de Gaulle kein Einverständnis zu erzielen ist, würde auch Johnson den MLF-Plan mit der Bundesrepublik, England, Italien und den anderen Interessenten in Angriff nehmen – gleich wie Frankreich reagiert.

In die Besprechungen Schröders mit Rusk platzte dann auch noch die Kunde von der Stellungnahme des britischen Premiers Harold Wilson zur MLF im Unterhaus. Dies war gewiß kein sehr ermutigendes Signal. Zwar ließ Wilson die Tür offen für eine endgültige Entscheidung Großbritanniens, aber er schraubte seine Anforderungen für die Gespräche mit Johnson im Dezember so hoch, daß sie mit den bisherigen Vorstellungen von der gemischten Atomstreitmacht kaum noch etwas gemein haben. Die einzige für die USA frohe Kunde ist, daß Großbritannien alles, was es noch an nationaler Atommacht besitzt, in einen übergeordneten atlantischen Verband einbringen will, sofern auch die Amerikaner an eine wirkliche Teilung der nuklearen Verantwortung denken und einen Teil ihrer strategischen Kräfte beisteuern.

Schröders Gespräche drehten sich in dieser Sache im Kreis; er und die Amerikaner konnten sich gegenseitig versichern, wie schön es doch wäre, mit der ursprünglichen MLF-Konzeption voranzugehen. Doch beide Seiten wußten, daß es so nicht geht, wenn zu dem ganz anders motivierten Widerstand de Gaulles auch noch der Harold Wilsons kommt. Undenkbar erscheint in Washington jedenfalls eine Verwirklichung des ursprünglichen Planes gegen den erklärten Widerstand Englands und Frankreichs.

Im leeren Raum blieben auch die Gedanken, die Schröder im State Department mit Rusk zur Wiederbelebung der Diskussion um Deutschland mit den Sowjets ventilierte. Der Bundesaußenminister denkt daran, wenn schon nicht den substantiellen, so doch den prozeduralen Teil des Problems zu aktivieren: Die Amerikaner sollen die Russen in jedem Gespräch auf die Reaktivierung eines Viermächtegremiums und einer ständigen Konferenz der stellvertretenden Außenminister ansprechen. Da es der Führungswechsel in Moskau den Amerikanern aber geraten sein läßt, vorläufig keine neuen Vorschläge so komplizierter Art heranzutragen, wird es bei dieser gutgemeinten Absicht bleiben.

Schröder hatte sich gegen Pocken impfen lassen, weil das für die Einreise nach Amerika in Abständen von drei Jahren vorgeschrieben ist. Gerade dies aber führte zu seiner Erkrankung. Man spürt die fatale Analogie zum MLF-Projekt: Es soll der NATO Heilung und Schutz bringen, doch steigert es vorläufig nur die Temperatur des atlantischen Patienten. Viele wünschen sich eine Radikalkur, einen transatlantischen Bilateralismus zwischen Amerika und jenen Partnern, die sich auf seine Macht verlassen wollen. Schröder, daran ist kein Zweifel, würde diese Radikalkur mitmachen.