1s der Vorsitzende der Ersten Großen Strafkammer des Flensburger Landgerichts die Akten über den Fall des 26jahngen Peter Seile schloß, klickten im düsteren Schwurgenchtssaal die Photoapparate: Peter Seile verabschiedete sich von seinem Verteidiger und seiner Frau. Er ging m die Gefängniszelle zurück, aus der er für zwei Verhandlungstage gekommen war. Das Urteil, das gegen ihn gefallt wurde, nahm er ohne Zogern an. Er verzichtete auf jede Revision, auf jede weitere Erklärung. Seile war vor den Gesetzen schuldig geworden, und er war auch bereit, diese Schuld zu sühnen.

Der Angeklagte, ein gutaussehender junger Mann in dunklem Anzug, das dunkle Haar sorgfaltig frisiert, hatte seinen Prozeß aufmerksam verfolgt. Und auch nach dem Richterspruch verlor er nicht seine Beherrschung. Mit der gleichen Gelassenheit hatte er vorher von seiner Frau gesprochen und von dem Mädchen Dorothea Voß, das er in den Ostsektor Berlins brachte und dort sitzenließ. In sachlichem Ton hatte er auch von den vielen Versuchen berichtet, seine 24jahnge Frau aus der DDR in die Bundesrepublik nachzuholen, "weil die Luft zum Atmen hier freier ist und weil ich nicht wollte, daß meine Kinder einmal in einem kommunistischen Land erzogen werden sollten". Er sagte es ohne Pathos. Nar eine leichte, aber dennoch spürbare innere Eiregung schwang m seinen Worten mit. Als wenn hier einer stand, der seinen Richtern erklaren wollte: So versteht doch, warum ich das alles getan habe.

Peter Seile, Bauingenieur in der Dithmarscher Kreisstadt Meldorf, stammt aus Theißen im Zonenkreis Weißenfeld. Sein Vater war dort Bauunternehmer, der Sohn sollte das Geschäft übernehmen. Peter Seile wußte stets, was er wollte, und er wollte in den Westen — vor dem Mauerbau schon und nach dem Mauerbau erst recht. Als er seine spätere Frau Barbara kennenlernte, beschlossen sie, gemeinsam zu fliehen. Doch Barbara Seile hatte Angst. Da floh Peter Seile allein, am 20. Juli 1963. Am hellichten Tag schwamm er durch die Elbe. Barbara blieb zurück.

In der Verhandlung befragt, warum er allein geflohen sei, ob er nicht hätte versuchen sollen, mit ihr zusammenzubleiben, sagte Peter Seile: "Ich glaubte, ich könnte sie von Westdeutschland aus leichter heruberholen Und auch das gehört zu dem vom Verteidiger immer wieder zitierten "Optimismus" des Angeklagten: In einem Brief an seine Frau, den sie unter einer Deckadresse erhielt, schrieb er, daß er sie bis zum Hochzeitstag, bis zum 18. Mai 1964, herausholen werde.

Ein Fluchtplan nach dem anderen wurde ausgeknobelt. Seile traf sich mit seiner Frau in Prag und in Budapest. Er erkundete Grenzübergange und Flugmöglichkeiten. Er versuchte, Kontakte zu Fluchthelfern aufzunehmen, doch er stieß auf Mißtrauen. Er bekam einen falschen Ausweis auf den Namen Peter Hansen — wie, das wurde m der Verhandlung nicht erklärt, und es wurde auch nicht versucht. Als alles nichts half, kam er auf eine ausgefallene Idee: Er suchte die Bekanntschaft von Madchen, die seiner Frau ähnlich sahen.

Die erste war eine Krankenschwester. Als er mit ihr nach Berlin flog, merkte er, daß sie andere Augen hatte als seine Frau. Außerdem hatte er Angst, weil die Kontrollen zu scharf waren. Die zweite war die 17jahnge Dorothea Voß aus Lunden in Norderdithmarschen. Sie ähnelte Barbara bis aufs Haar, und sie war begeistert von einer Fahrt nach Bei Im. Sie ging auch mit in den Ostsektor. Dort nahm Peter Seile unter einem Vorwand ihre Papiere an sich, bat sie zu warten, holte seine inzwischen benachrichtigte Frau, die von nichts wußte, druckte ihr den Ausweis m die Hand und ging mit ihr durch die Kontrolle. Erst im Flugzeug nach Westdeutschland erzahlte er ihi, wie er zu dem Ausweis gekommen war. Barbara empörte sich, aber da war es zu spat Dorothea Voß wurde noch am gleichen Tag, es war der 16. Mai 1964, von der Volkspolizei, an die sie sich in ihrer Not wandte, verhaftet Erst nach sechs Wochen wurde sie freigelassen Petei Seile, der sich mit seiner Frau bei der Aufnahmestelle Uelzen gemeldet hatte, wurde am 19 Mai festgenommen, nachdem ihn Dorotheas Vater dort gestellt hatte. Zwar wollte Seile alles "ordnen", aber dazu kam er nicht mehr. Vor dem Richter beschönigte er nichts, er verschwieg nichts. Er habe, so sagte Peter Seile, geglaubt, nach zwei bis drei Tagen werde sich die Schuldlosigkeit von Doiothea Voß herausstellen, dann werde sie sofort freigelassen. Doch diese Rechnung ging nicht auf. Der Vorsitzende sagte dazu: "Um ihre Freilassung zu erreichen, bedurfte es des Einsatzes der Justiz", und: "Ohne die Haltung und den Einsatz der Presse wäre ,ie nicht so schnell freigekommen " Die Flensburger Richter, die Seile wegen Verschleppung, schwerer Freiheitsberaubung und wegen Beleidigung von Dorothea Voß zu einem Jahr Gefängnis verurteilten, vergaßen nicht, dem Angeklagten ehrenwerte Motive zu unterstellen. Sie sagten aber auch, daß er einen anderen Menschen zur Befreiung seiner Frau geopfert habe. "Wenn wir die Unmenschlichkeit bekämpfen wollen, dann müssen wir es auch dort tun, wo sie durch verstandliche Motive erklärbar, aber nicht entschuldbar ist. Wir können diese Dinge nicht mit dem Mantel der Liebe zudecken!" Als der Vorsitzende dem Angeklagten vorhielt, "er hatte Geduld haben müssen", meinte er im gleichen Atemzug, daß es vom sicheren Port aus leicht sei, einem in diesem Fall zu raten, er masse Geduld haben Peter Seile leugnete von Anfang an nicht, welche Schuld er damals auf sich geladen hatte. Sem Verteidiger erklarte vor Gericht: "Als ich mit ihm nach seiner Festnahme über die Möglichkeit einer Haftbeschwerde sprach, entgegnete er mir: Wie kann ich draußen sein, wenn Dorothea Voß sich noch in Haft befindet?" In seinem Schlußwort sagte Seile: "Ich wollte, ich könnte es ungeschehen machen Auch der Richter zweifelte nicht, daß es ihm mit diesem Wort ernst war.