Patrick Gordon Walker hat in seiner politischen Karriere so manches erlebt, was unverdient bitter war. Aber nichts war auch nur annähernd so bitter, wie die Nacht vom 15. zum 16. Oktober. Es war die Nacht, in der die Labour-Partei die Wahlen gewann und er selbst den Wahlkreis verlor, den er neunzehn Jahre lang im Unterhaus vertreten hatte.

Seiner Art und Erziehung getreu ist Walker kein Mann, der Gefühle leicht verrät. Lange vor den Wahlen wußte jeder, daß er in Smethwick einen schweren Stand haben würde. In Smethwick ist das Farbigen-Problem nicht mehr und nicht weniger virulent, als in anderen Städten der industriellen "Midlands", aber in Smethwick wurde es durch eine ebenso geschickte, wie gewissenlose Agitation des jungen konservativen Kandidaten Peter Griffith zur entscheidenden Wahlfrage gemacht. "If you want a nigger neighbour – Vote Labour!" Stimm Labour, wenn du einen "Nigger" zum Nachbarn willst – dieser Reim war der Schlager seiner Propaganda.

Gordon Walker wußte keine Antwort auf solche Wahltaktik. Gewiß war er in den Wochen vor den Wahlen besorgt. Gewiß merkte er die böse Stimmung in Smethwick – merkte, wie verhetzt die Menschen bei seinen Wahlversammlungen waren – merkte, daß seine eigenen Parteifreunde von ihm erwarteten, er solle in marktschreierischer Vulgarität mit Peter Griffith wetteifern. Er konnte es nicht, und er wollte es nicht.

Ganz England erlebte ihn auf den Fernsehschirmen, als die Zählung in Smethwick beendet war, das Ergebnis verlesen wurde, die Konservativen triumphierend aufheulten, der junge Peter Griffith die Arme siegreich emporstreckte. Sein Gesicht war zerknittert. Seine Augen sahen aus, als könne er es noch nicht ganz glauben. Das Lächeln fiel ihm schwer. Ein Inverviewer fragte ihn, was er nun tun wolle. Er sagte: "Ich bin jetzt nicht mehr im Unterhaus. Ich muß mir erst überlegen, was ich tun werde." Seine Würde und seine einfache Ehrenhaftigkeit waren so überzeugend, daß auch viele seiner Feinde (von denen er in der eigenen Partei mehr als genug hat), die den Moment nicht ohne Rührung erlebten.

Selbstverständlich hatte er keine Zusicherungen von Harold Wilson für den Fall der Niederlage. Es gibt keine solchen Zusicherungen. Niemand im Schattenkabinett hatte irgendein verbrieftes Anrecht auf irgendeinen Posten – am wenigsten aber ein besiegter Gordon Walker. Er erlebte den Augenblick als das Ende. Noch in derselben Nacht aber erklärte Harold Wilson, das Ergebnis von Smethwick werde seine Pläne nicht im geringsten beeinflussen. Und schon am folgenden Tag saß Gordon Walker dem neuen Premierminister in Downing Street Nr. 10 gegenüber – als Außenminister.

Nach Hugh Gaitskells Tod war Gordon Walker einer der Männer gewesen, die Harold Wilson als Nachfolger fürchteten – die ihn für einen sehr fähigen, aber unverläßlichen Karrieremacher hielten. In dieser Nacht mußte er sich fragen, ob sein guter Freund Hugh Gaitskell ebenso rasch entschieden hätte, daß er sich Gordon Walker auch ohne Sitz im Unterhaus als Außenminister leisten könne und leisten müsse.

In einer einzigen Beziehung gibt es eine Parallele zwischen Harold Wilson und Gordon Walker: Beide lehrten an der Universität Oxford, sind "Oxford Dons" – der Nationalökonom Wilson als Mitglied von University College, der Historiker Gordon Walker als Mitglied des eleganten Christ Church College. Harold Wilson ist ein Kleinbürger, nicht nur von Geburt, sondern geradezu aus Überzeugung. Patrick Chrestian Gordon Walker ist der Sohn eines Richters am Hohen Gerichtshof in Lahore – eines sehr hochgestellten Mannes also in jenen Jahren, in denen der englische König noch Kaiser von Indien war. Er verbrachte seine Kindheit im Pundschab, und seine Ausbildungsjahre in einer der großen englischen Internatsschulen, der Public School von Wellington.