G. Z., Frankfurt! Main

Die Flammen der Krematorien von Auschwitz seien der Welt zum Fanal ihres Freiheitswillens geworden. So sagte es Professor Dr. Eugen Kogon am Bußtag in einer Feierstunde in der Frankfurter Paulskirche zur Eröffnung einer Auschwitz-Ausstellung, die auch in anderen Städten der Bundesrepublik gezeigt werden soll. Jedermann, so fuhr Kogon fort, sei zur Mitbestimmung der gemeinsamen Angelegenheiten aufgefordert, zur Willensbezeugung, nichts unversucht zu lassen, was einer Zukunft in brüderlicher Verbundenheit diene.

Offenbar wußte der Festredner nichts davon, wie wenig brüderlich sich das Frankfurter Rathaus gegenüber einem Manne verhalten hatte, der selber erfahren hatte, die Ausstellung mit ihrer erschütternden Dokumentation zeigt: das Grauen von Auschwitz. Oberbürgermeister Professor Dr. Brundert, der in der Paulskirche forderte, aus der belasteten Vergangenheit die richtige politische Lehre zu ziehen, hatte den als Ehrengast geladenen Präsidenten des Internationalen Auschwitz-Komitees, Professor Robert Waitz aus Straßburg, gebeten, auf seine Ansprache zu verzichten.

Das Internationale Auschwitz-Komitee, Sitz in Warschau, hatte an der Vorbereitung der Ausstellung, vom hessischen Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer angeregt und vom "Bund für Volksbildung" veranstaltet, mitgewirkt. Es hatte dazu beigetragen, daß in Frankfurt Bestände des Warschauer Auschwitz-Museums gezeigt werden können. Was lag da näher, als den Dank mit einer Einladung an den Präsidenten des Internationalen Komitees abzustatten. Und ebenso selbstverständlich war es, daß bei der Eröffnung der Ausstellung einer der wenigen, die mit dem Leben davonkamen, sprechen sollte. Das waren wohl auch die Überlegungen in Frankfurt. Denn am 23. Oktober dieses Jahres schrieb der Direktor des Frankfurter Volksbildungsheimes, Tesch, nach Straßburg. Er lud Professor Waitz als Ehrengast ein, mit der Bitte, eine kurze Eröffnungsrede zu halten.

Nun scheint aber auch unter den Opfern von Auschwitz, die jene Schreckensjahre überstanden, nicht die Einigkeit zu herrschen, wie sie Eugen Kogon in der Paulskirche beschwor. Denn Volksbildungsdirektor Tesch wurde mit einem oberbürgermeisterlichen Handschreiben nach Straßburg geschickt, um den Komitee-Präsidenten schonend darauf aufmerksam zu machen, daß eine Ansprache unerwünscht sei. Ihn auszuladen, wagte man nicht. Über die Antwort freilich, die im Frankfurter Rathaus eintraf, brauchte man sich nicht zu wundern. Waitz schrieb: "Ich bedaure, daß – im Jahre 1964 – ein Brief, der in amtlicher Eigenschaft von einem Deutschen geschrieben wurde, den Wert eines Fetzens Papier hat."

Ebenso vorauszusehen war, daß der Straßburger Professor darauf verzichten würde, nach Frankfurt zu kommen. In seiner Antwort hieß es: "Ihre Entscheidung gründet sich sicher auf unvollständige und falsche Auskünfte. Ich vermute, daß Sie auf Grund geheimer Intrigen der Gegenseite gefaßt wurde. Erlauben Sie mir auch zu bemerken, daß Sie somit auch den einzigen deportierten Juden von Auschwitz, der eingeladen worden war, zu reden, zum Schweigen verurteilen."

Indessen, waren Befürchtungen, der Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees könne in der Paulskirche bittere Anklage erheben oder gar eine kommunistische Propagandarede halten, völlig unbegründet. Abgesehen davon, daß der hochangesehene Wissenschaftler – er ist Leiter des Instituts für Blutforschung an der Universität Straßburg – und Ritter der Ehrenlegion Waitz nie in seinem Leben Kommunist war, enthält die Rede, die nicht gehalten wurde, kein einziges Wort, das die Zuhörer gekränkt hätte. Sie ist ein Rückblick auf das Leid und eine Mahnung, "die Schuldigen zu bestrafen und zu verhindern, daß sich je solche Verbrechen, solche Greuel wiederholen". Darüber konnte eigentlich auch im Römer kein Zweifel aufkommen.