Im Jahre 1959 wurden 48 Prozent aller Automobile in den USA hergestellt. In diesem Jahr dürften es noch 44 Prozent sein und 1970 wird der amerikanische Anteil nach Schätzungen nur noch etwa 40 Prozent betragen. Mit einer gewaltigen Expansion geht hier eine deutliche Verlagerung der Kapazitäten in Länder außerhalb der USA einher. Dies ist der Grund, aus dem Walter P. Reuther, der deutschstämmige Vorsitzende der amerikanischen Automobilarbeitergewerkschaft, zur internationalen Solidarität der Automobilarbeiter aufgerufen hat.

Die "Internationale Automobilarbeiterkonferenz", die vom 16. bis 19. November in Frankfurt stattfand, setzte sich das Ziel, "praktische Einrichtungen" zu entwickeln, die dieser Solidarität konkreten Inhalt geben. Im Grunde war man sich über dieses Ziel bereits im Jahre 1956 einig. Jetzt will man "weltweite ständige Ausschüsse" für jeden Automobilkonzern gründen, wobei das Schwergewicht ganz natürlicherweise bei den amerikanischen Konzernen liegt, treten doch die europäischen Zusammenschlüsse, sowohl was ihre Kapazität anbelangt als auch hinsichtlich der Tendenzen, die Kapazitäten in andere Länder zu verlagern.

Wenn die General Motors, so meinte Reuther in seiner Eröffnungsrede, die Produktion von einem Land in ein anderes verlagern können, um mit niedrigeren Löhnen größere Gewinne zu erzielen, dann könnten damit unter Umständen nationale Interessen verletzt werden. Zum mindesten müßten daraus lohnpolitische Konsequenzen auf internationaler Ebene gezogen werden. Seine These: wenn überall auf dem Weltmarkt mit den gleichen Werkzeugen die gleichen Produkte hergestellt werden, dann muß auch die Bezahlung gleich sein. International gerechte Mindestarbeits- und Lohnbedingungen proklamierte Reuther als Ziel.

Die nationalen Interessen haben sich nicht nur 1914 als stärker erwiesen als die internationale Solidarität der Arbeiterparteien; auch in der Zwischenzeit hat es sich noch stets bewahrheitet, daß auch den Arbeitern das Hemd näher sitzt als der Rock. Zudem stellen sich der Verwirklichung einer internationalen Solidarität große praktische Schwierigkeiten entgegen. Man denke nur an die mangelhafte Vergleichbarkeit von Geldwert und Konsumgewohnheiten. Auch die konjunkturellen Abläufe pflegen sich nicht mehr so einseitig an den USA zu orientieren, wie das früher der Fall gewesen ist. Schließlich ist die Entwicklungshilfe zu bedenken. Gäbe es hier kein Kosten- und Preisgefälle, mit welchen Mitteln wohl wollte man die Privatwirtschaft veranlassen, sich an der Industrialisierung dieser Länder zu beteiligen?

Eine Vereinheitlichung der Lohnkosten ohne Vereinheitlichung auch anderer Kostenfaktoren erscheint utopisch, wie überhaupt die Überlegungen Reuthers schematisch und wirklichkeitsfern sind. So wurde denn auch in Frankfurt nel Wasser in den Wein der Solidarität gegossen. Man verwies seitens der nichtamerikanischen Gewerkschaftsfunktionäre auf die unterschiedlichen Interessen der Arbeitnehmer, wie sie einfach aus den jeweiligen sozialen Situationen und Strukturen der Länder sich ergeben; dazu kommen die ideologischen Differenzen. Während Brenner auf die Notwendigkeit der "demokratischen Kontrolle" der Konzerne hinwies, gaben die Amerikaner zu verstehen, daß ihnen ein solcher Ehrgeiz vorläufig noch recht fern liege.

So wird es denn wohl vorerst weiter bei einem Erfahrungsaustausch bleiben. Die weltweite Solidarität der Automobilarbeiter ist vorläufig noch Zukunftsmusik. – en