Er hieß Schmidt, vielleicht auch Schmid oder Schmitt, ich weiß es nicht mehr, ich habe den Namen über der Betrachtung seines Gesichtes vergessen. Es war ein rundes, fleischiges, von glatten Polstern poliertes Gesicht: wie ein Bauernbett sah es aus. Altmännerohren hingen faltig an einem fett-kahlen Schädel, die Lippen glichen Jahrmarktswürsteln, weißes Fleisch umhüllte die Augen und machte sie stechend und schwarz. Der Mann, ein Polizist im Ruhestand, sah wie ein Berufsringer aus, der sich nicht damit abfinden kann, daß die Zeit seiner Mattentriumphe vorbei ist. Fordernd und rechtend klagte er an; Diplome und Auszeichnungen genügten ihm nicht; in der Pensionärsstube wurde nach höheren Ehren verlangt. "Ich habe mich um den Posten des Scharfrichters beworben", sagte Herr Schmidt, und seine Stimme veränderte sich nicht im geringsten, als er den Satz formulierte. Er hätte auch sagen können: "Ich habe mir noch ein Bierchen bestellt..."

Bedenken waren ihm fremd, der Freimann von heute schien seiner Sache gewiß. Er hatte alles genau überlegt, Auge um Auge, Zahn um Zahn, hieß die Devise, und er war überzeugt, sich um einen guten Posten beworben zu haben. Nicht ums Geld, sondern ums Recht ging es dem Polizisten a. D. in seinem ländlichen Refugium; er hatte sich umgetan und mit Kollegen Rücksprache genommen. Gewissensbisse? Skrupel und Zweifel? Herr Schmidt schien nicht zu verstehen: Die Todesstrafe sei richtig, einer müsse es machen, und dieser eine sei er. Er wolle es tun, "um dem ganzen deutschen Volk einen Dienst zu erweisen...", aus Einsicht und aus Idealismus – und mit der größtmöglichen Humanität. Die Tage des Fallbeils seien vorbei, die Guillotine, "Giljotine" sagte Herr Schmidt, arbeite sicher und rasch.

So also sieht er aus, der Freimann-Aspirant unseres Staates: ein Pensionär, der mit Schillerschem Pathos das Loblied der Gerechtigkeit und den Preis der Staatsräson singt..., einer von vielen, die, auf Turnermuskeln, gute Nerven und das Goldene Sportabzeichen verweisend, die Henkerspflichten begehren.

Ein kleiner Mann erschien im Bild, ein zum Vollstrecken bereiter Beamter, den die Gedanken an den Fleischerhaken, mit dem Hitler seine Opfer zu garrottieren beliebte, offenbar wenig bedrängten.

Den großen Mann jedoch zeigte man nicht. Die Züge des Auftraggebers blieben im Dunkel.

"Ich bin bereit", sagte der Henker von morgen, und Millionen sahen ihm zu. Den aber, der nach ihm winkt und ihn anstiften will, gewahrten sie nicht. Ein freundliches Schwarz verhüllte, unter anderem, den neunzigjährigen Greis, der das Beil mit dem Ruf wieder freigeben möchte: "Auf, Schmidt, mach die Hände rot und tu in Gottes Namen deine Pflicht!" Momos