Von Christa Dericum

Als Heinrich Schliemann mit seinen archäologischen Forschungen und Grabungen auf Ithaka, in der Troas und auf dem Peloponnes begann, wollte er zunächst nur nachweisen, daß der trojanische Krieg keine Fabel sei. Als "na.ver" Homer-Leser hatte er, lange bevor er griechischen Boden betrat, aus der Beschreibung des Dichters eine deutliche Vorstellung von der Lage eines jeden Ortes, von der Landschaft, den erwähnten Grotten, Quellen, Felsen, Hafenbuchten. Im Jahr 1867 kam er Zum erstenmal auf die Insel Ithaka, deren Klima er so fand, wie Hamer es beschrieben hatte – "ausgezeichnet für die Erziehung und Bildung tüchtiger Männer". Der "homerischen Geographie" getreulich folgend, auf die Tradition des Ortes, die Hinweise der Bewohner sorgsam achtend, stieß er auf Mauerreste und Keramik, die zum Hause des Odysseus gehören mußten. Das war die erste aufsehenerregende Entdeckung.

Freilich hatten weder die Gelehrten des Altertums noch die Archäologen und Philologen neuerer Zeit daran gezweifelt, daß Ithaka die Heimat des Helden sei, doch war es, ebenso wie für Troja, höchst ungewiß, ob er der Geschichte oder dem Mythos angehörte. Die Archäologen, deren Wissenschaft damals erst wenig mehr als hundert Jahre alt war, mißtrauten daher anfangs den kühnen Thesen dieses Autodidakten, der Schliemann in ihren Augen war. Als seine Funde jedoch die Thesen erhärteten, als er in sorgfältig abgefaßten Berichten zu beweisen suchte, was er behauptet hatte, richtete sich die Kritik gegen die Methode seiner Ausgrabungen.

Die Fachgelehrten, sie hätten wahrscheinlich dieselben Fehler gemacht, die Schliemann machte. Es war kaum noch gegraben worden, man hatte keine Erfahrungen und keine klaren Vorstellungen. Schliemann hielt die Grabungen, die er in Italien beobachtet hatte, für zu "oberflächlich": "Tiefengrabungen" seien notwendig, denn erst in den tieferen Schichten ließen sich die Spuren des Altertums finden. Daß man bei solchen Versuchen, in die Tiefe vorzustoßen, manches zerstören konnte, mußte Schliemann zu seinem Leidwesen erfahren. Noch heute grollen ihm nicht nur die Archäologen deswegen.

Entgegen der Auffassung der Gelehrten und Archäologen, nach der das homerische Troja etwas weiter landeinwärts auf der Höhe von Bunarbaschi gelegen haben sollte, entschied sich Schliemann für den Hügel von Hissarlik und ließ dort den tiefen Suchgraben ausheben, der seiner Vermutung sogleich recht gab. Drei Jahre nach Beginn der Arbeiten, nach unendlichen Schwierigkeiten mit den türkischen Behörden (die ihn von einem unbestechlichen Wärter unaufhörlich, bewachen ließen, damit er die gefundenen Schätze sogleich abliefere), fand er, 1873, unten in der zweiten Stadt Troja den berühmten "Schatz des Priamos": schwere goldene Becher, goldene Armreifen, Kopfzierrate, Ohrringe, Goldbarren, Tongefäße und andere Kostbarkeiten, die er heimlich nach Athen schaffen ließ, um sie der Archäologie zugänglich zu machen.

Die Öffentlichkeit schwankte in ihrem Urteil über Heinrich Schliemann. Anerkennung fand er in England, wo er 1883 zum Honorary Fellow des Queen’s College von Oxford ernannt wurde und 1885 die Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft erhielt. Die Stadt Berlin machte ihn – wie Bismarck und Moltke – 1882 zu ihrem Ehrenbürger. Aber die deutsche Presse, die ihm anfangs begeistert zugestimmt hatte, lehnte ihn bald ebenso gründlich ab wie die Fachwelt. "Über die Spottgeschichte im ‚Kladderadatsch‘ habe ich mich nicht geärgert", schreibt Schliemann in einem Brief, "wohl aber über die Ausbrüche des tierischen Neides der deutschen Gelehrten."

Alexander Conze, der wie viele Archäologen glaubte, Troja sei in Bunarbaschi zu suchen, ließ sich als erster an Ort und Stelle überzeugen. Aber Ernst Curtius, auf dessen Stimme es am meisten ankam, spottete bei einem flüchtigen Besuch der Grabungsstätte auf dem Hissarlik: "Hier hat Schliemann Mauern aufdecken lassen, in denen er die Grundfesten vom Palast des Priamos erkennen will." Gerade auf Curtius’ Rat und Hilfe hatte Schliemann gehofft.