Von Gottfried Sello

Man denkt an Albrecht Altdorfer, wenn von "Donauschule" die Rede ist. Er gilt so sehr und so unbestritten als ihr eigentlicher Repräsentant, daß sein eigener individueller Stil, den er in jedem seiner Bilder manifestiert, mit dem "Donaustil" zu einem kaum noch differenzierbaren Komplex verschmolzen ist – wodurch die beiden Beteiligten, Altdorfer und die Donauschule, eher an Gesicht und an künstlerischem Gewicht verloren haben. Die Maler der Donauschule werden gegenüber dem Genie Altdorfers zu bloßen Talenten, wenn man einmal von Wolf Huber absieht und auch den jungen Cranach beiseite läßt, der in seinen Wiener Jahren – bis 1504 – den Donaustil geschaffen hat. Andererseits wird auch der Glanz Altdorfers dadurch verdunkelt, daß man seine spezifischen Qualitäten zu den Merkmalen einer Schule, der Donauschule, erklärt.

Tatsächlich ist der Begriff des Donaustils im Zusammenhang mit Altdorfer aufgetaucht und an seinem Werk entwickelt worden. 1891 hatte M. J. Friedländer über Altdorfer promoviert und dabei dem Werk des Malers die ersten klaren Konturen gegeben. Theodor von Frimmel schrieb 1892 in einer Besprechung von Friedländers Dissertation: "Die Malerei des 16. Jahrhunderts in den Donaugegenden um Regensburg, Passau und Linz hat etwas Gemeinsames an sich, was sie von der gleichzeitigen Malerei des übrigen Deutschland unterscheidet und dazu berechtigt, von einem Donaustil zu sprechen."

Man stelle sich vor, der Meister Mathis Gothart wäre, kaum daß die Forschung ihn wiederentdeckt hatte, mit einer "Mainschule" und einem mainfränkischen Stil in Verbindung gebracht worden – es wird dann einigermaßen verständlich, warum der eben entdeckte Altdorfer schließlich bis heute ein internes deutsches Problem geblieben ist, mit dem Nimbus einer regional gebundenen, einer betont heimatlichen Kunst, die geradezu prädestiniert dafür erscheint, mißverstanden und unterschätzt zu werden. Wer "heimatlich" sagt, meint entweder "provinziell" oder, noch viel schlimmer-, "aus emotionalen und irrationalen Tiefen", als die erwünschte Darbietung von Gemüt und Seele. Gemütvoll oder einfach nur gemütlich sind denn auch die Epitheta, die sich für Altdorfer und für die Donauschule eingebürgert haben. Im Hang zur Idylle, zum Genre, in einem gemütlichen "Plauderton" glaubte man jenes von Frimmel konstatierte Gemeinsame der Donaumaler, den Donaustil, zutreffend charakterisiert zu haben. Es läßt sich nicht leugnen, daß selbst Richard Hamann, dem man weiß Gott keine Deutschtümelei und keine Engstirnigkeit vorwerfen kann, zu diesem Mißverständnis beigetragen hat. Ihm erscheint die Donaumalerei als "ein sorglos. heiteres Spazierengehen in heimatlichen Fluren und Wäldern und ein munteres Geplauder von Nachbars kleinen all- und sonntäglichen Erlebnissen".

Nicht weniger verhängnisvoll als derartige Versuche, ein einzigartiges Stilphänomen zu verharmlosen, erweisen sich die ständig wiederholten Bemühungen, die Donauschule durch eine geistesgeschichtliche Parallele zur deutschen Romantik aufzuwerten, wie das keineswegs ausschließlich, aber sehr betont Dehio und vor allem Finder getan haben.

Für eine andere geistesgeschichtliche Fundierung der Donauschule hat Otto Benesch Altdorfers Zeitgenossen Theophrast Bombast von Hohenheim alias Paracelsus in Vorschlag gebracht; Zitate aus seinen Schriften sollen spekulativ eine Beziehung zwischen den Farbmysterien der Donaumaler und dem "Kreis des Mysteriums" des Paracelsus herstellen. Aber eine gewisse Nüchternheit, die Bereitschaft, die Faktizität der Welt anzuerkennen, gehörte augenscheinlich zu Altdorfer und der Donauschule. Altdorfer war kein Mystiker, sondern nach seiner Biographie der Prototyp des biederen Bürgers, der in Regensburg zu Wohlstand und Ansehen gelangte und zielbewußt seinen Grundbesitz vergrößerte.

Alle diese Deutungsversuche haben – ganz abgesehen davon, ob sie stimmen oder nicht – den großen Nachteil, daß sie den Donaustil von der gerade herrschenden Bewertung der Ideen des Romantischen, des Mystischen, des gemüthaft Deutschen abhängig machen.