MANNHEIM (Kunsthalle): "Kunstpreis der Jugend"

Sind nun auch die jungen deutschen Maler von der großen Pop-Welle erfaßt, die von Amerika nach Europa gerollt ist und das abstrakte Terrain überflutet? Viele Experten sind bestürzt, reden von modischen Spekulationen und wollen nicht wahrhaben, daß hier tatsächlich neue Kräfte am Werk sind, die endlich aus der Phase der Stagnation herausführen. Aber mit Pop sind die neuen Tendenzen nur ganz unvollkommen charakterisiert. Es ist nicht alles Pop, was realistisch aussieht. Mehr über Pop, wenn demnächst die große Wiener Pop-Schau nach Berlin kommt. – Weit über tausend Bilder waren zum fünften Wettbewerb um den Kunstpreis der Jugend, der in diesem Jahr nur für Maler ausgeschrieben wer, nach Mannheim eingeschickt. Zwölf Juroren – Maler, Museumsdirektoren, aber auch, als Gastiuroren, Werner Haftmann und Leopold Zahn – haben die 62 Bilder ausgesucht, die bis zum 29. November in der Mannheimer Kunsthalle hängen. Den mit 10 000 Mark dotierten Preis erhielt der Berliner Maler Karl Horst Hödicke für sein Triptychon "Passage I, II, III". Die Bilder hätten, wenn sie vor drei Jahren zu irgendeiner repräsentativen Kunstschau eingereicht wären, nicht die geringste Chance gehabt, sie wären mit Sicherheit ausjuriert worden. Sie wären allerdings, kann man annehmen, vor drei Jahren auch nicht gemalt worden. Offenbar stehen die Schaffenden und die Urteilenden unter dem gleichen Zwang, und die Jury wollte mit ihrer Entscheidung für Hödicke nicht so sehr die künstlerischen Qualitäten eben dieses Malers prämiieren als vielmehr eine Entwicklung sanktionieren, die darauf aus ist, statt mit den "bildnerischen Mitteln" zu manipulieren, dem Bild seinen Inhalt, seine Bedeutung, seinen Gegenstand zurückzugewinnen. in Hödickes "Passage" geschieht das auf eine ziemlich äußerliche Manier; Autos, Passanten, Schaufensterauslagen, Reklamen werden ins Bild geholt und in ausgesprochen undelikaten Farben vermalt: eine etwas rührselige Großstadtgeschichte. Interessanter sind die Kombinationsbilder von Staechelin oder die Bilderbogen von Kress oder die originellen Dingsammelsurien von Deprapas, auch die grauen Figurinen von Knipp oder das gespiegelte Selbstporträt von Donnan. Pit Moog, Heimrad Prem, Dieter Krieg demonstrieren die Variationsbreite der heutigen figurativen Malerei. Die Monochromisten, die Kinetiker, die Konstruktivisten begnügen sich damit, andere Wege offenzuhalten.

KÖLN (Galerie Der Spiegel): "Edition MAT"

Man weiß nicht recht, wer hier wen auf den Arm nimmt: die Künstler sich selber oder die Galerie, oder die Galerie das Publikum, oder die Käufer ihre Bekannten, wenn sie ihnen die Objekte vorführen. Dadurch, daß unter den Objektherstellern sowohl die neckische Niki de St. Phalle erscheint wie der große Jean Arp und der nicht ganz so berühmte Man Ray, wird die Angelegenheit noch komplizierter. MAT meint: Multiplication d’Art transformable. Die Objekte werden in Serie zu hundert Stück hergestellt, die Preise liegen zwischen 280 und 360 Mark. Dafür bekommt man einen Papierkorb von Armand, einen Plexiglaskasten, der randvoll mit zerrissenen Briefen und anderem Abfall aus einem ganz gewöhnlichen Papierkorb gefüllt ist. Oder ein Gipsrelief von Niki de St. Phalle, das, wenn der Erwerber mit dem Gewehr darauf schießt, von bunten Farben überströmt wird, die in Plastikbeuteln unter der Gipsoberfläche versteckt sind. Es gibt einen kleinen Elektromotor von Tinguely, auf dem sich Streichholzschachteln und Papierschnitzel um sich selber drehen, und Arps "Formen nach dem Gesetz des Zufalls", ein Legespiel für Anfänger: "Objekte, die nicht arretiert sind, sondern transformabel, d. h. im äußersten Fall erst durch den Käufer Funktion und Gesicht bekommen." Als Spielzeug ein bißchen teuer. Aber wer alle zwölf Objekte erwirbt, erhält Rabatt. Die Editoren Daniel Spoerri und Karl Gerstner können zufrieden sein. MAT verkauft sich gut. Seltsamerweise nicht nur an Privatleute, sondern sogar an Museen. Bis 30. November. g. s.