Kurt Hutten: Christen hinter dem Eisernen Vorhang, Die christliche Gemeinde in der kommunistischen Welt; Quell Verlag, Stuttgart; zwei Bände, Band I 9,80 DM, Band II 17,80 DM.

Die beiden Bände bedeuten eine mächtige kompilatorische Leistung. Ein Wunder, daß der Sammler und Ordner des überreichen Materials nicht im Stoff ertrunken ist.

Der erste Band ist schon 1962 erschienen. Hier sind die einschlägigen Dokumente zitiert und verarbeitet, die die christlichen Gemeinden in der Sowjetunion, Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn betreffen.

Der zweite Band mit seinen mehr als 550 Seiten (der erste zählte nur wenig über 260) ist vorab für deutsche Leser wichtig: er gibt ihnen über das Leben der Kirchen in der sowjetischen Besatzungszone Auskunft; dieser Teil nimmt fast vierhundert Seiten ein, während die Informationen über Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien, Albanien, Rotchina mit je etwa fünfzig oder noch weniger Raum fast wie ein Anhang wirken. (Eine Sonderausgabe des Berichts über die Zone wäre buchhändlerisch zu erwägen.)

Inhaltsangaben verbieten sich bei einem derartigen Sammelwerk von selbst. Sie würden sich selbst wieder zu einem Buch oder Büchlein Auswachsen. Für den bürgerlich-behaglichen Leser der westlichen Welt, für den Christen bequemkonformistischer Kirchen haben diese Darstellungen, die ein Ringen auf Leben und Tod immer wieder neu vor Augen führen, zunächst etwas Erschreckendes, aber glücklicherweise dann auch etwas Beschämendes. Jeder, der die hier präsentierten Zeugnisse und Berichte ernst nimmt, wird in eine heilsame Gewissenserforschung getrieben. Er muß sich fragen, ob auch er selbst (wenn anders er Christ ist) das Dennoch des Glaubens so zu leben vermöchte, wie es – erstaunlich genug – in den kommunistischen Ländern geschieht. Freilich bleibt das Ganze in dem stecken, was man Chronik nennt; eine eigentliche Geschichte wird nirgends dargestellt. Eine solche Geschichte, so meint der Rezensent, müßte wohl die Aufgabe späterer Generationen sein, die von der Vorläufigkeit des hier ausgebreiteten Materials nicht mehr gehemmt werden. Diese künftigen Historiker sollten auch nicht bloß von Atheismus sprechen, das ist eine lendenlahme Vokabel angesichts der Martyrien, die jedwedes kommunistische Regime fordert; man sollte – nach Huttens Vorgang – den schneidenderen terminus "Antitheismus" gebrauchen, denn darum handelt es sich.

Die heute gängige Parole "Seid nett zu den Russen" mag auf alle jene, die sich die blutigen facta bruta wirklich zu Herzen nehmen, wie die ex puris naturalibus unverständliche Aufforderung wirken, nun auch noch die linke Wange hinzuhalten. Für die Kirchen in Mitteldeutschland zumal – so sagt Hutten selbst – war es seit 1945 "ein Weg des Zerbrechens, der Niederlagen, der Verluste". Freilich, so fügt er hinzu, wurden in diesem ununterbrochenen Existenzkampf "Verkrustungen abgeworfen". Und weiter: "Die Verheißung wird wahr, daß das Wort Gottes nicht leer zurückkommt." Die Kirche ist arm, und ihre Arbeit geschieht vielfach unter kümmerlichen Bedingungen. Aber es eignet ihr, bei allen Widrigkeiten und Enttäuschungen, eine große innere Freude."

Wer sich das Gesamt dieser schmerzlichen Dokumentation vergegenwärtigt, ist wohl entsetzt über die diabolische Schlauheit, gegen die hier gekämpft werden muß. Das zeigt sich vor allem in Rotchina. Vielleicht sind Apostaten (wie Tschou En-lai, der einmal Mitglied der Ymca = Young Men’s Christian Association gewesen ist) besonders zu fürchten. Die in diesem Land übliche "Gehirnwäsche" ist allbekannt. Gegen solches Raffinement waren die nazistischen Kirchenfeinde reine Trampeltiere, die Methoden des Antichrist haben sich eben, das ist überall zu beobachten, stetig verfeinert. Drastische Ausrottung ist längst altmodisch; schleichende Indoktrination (wie man das nennt) ist viel wirksamer. Auch die von Mao arrangierten "Anklageversammlungen" bedeuten immer neue luziferische Triumphe.

Die Andeutungen mögen genügen. Es sei nur noch aus dem des Nachdenkens werten Schlußwort Huttens zitiert: "Wir alle sollten erkennen: der Kommunismus ist die Antwort auf soziale Versäumnisse der alten Gesellschaft. Er ist – in seinem Kampf gegen das Christentum – eine Heimzahlung der Schuld, welche die Kirchen im konstantinischen Zeitalter auf sich geladen haben. Er ist – in seiner Aufputschung der farbigen Völker – die Rache für den Kolonialismus und die rassische Überheblichkeit der Weißen. Er ist... ein Gericht Gottes über die abendländische Welt, und es gilt, den Mahnruf zu verstehen, den Gott durch den Kommunismus an die Staaten, Gesellschaften und Kirchen des Westens richtet." H. B.