Günther Weisenborn: Der gespaltene Horizont. Niederschriften eines Außenseiters; Desch-Verlag, München; 372 Seiten, 19,80 DM.

Und dann war es soweit. Morgens gegen sieben Uhr hörten wir vierzig Außenarbeiter ein wildes, hundertstimmiges Gebrüll von draußen. Aus dem Fenster sahen wir draußen den mächtigen Bau des Zellengebäudes mit den vielen, kleinen vergitterten Fenstern. In den Fensterlöchern drängten sich viele weiße Grashalme des Elends im Wind. Wir überrannten unseren Hauptwachtmeister und hinunter. Auf dem riesigen leeren Zuchthaushof stürzten von allen Seiten einige Gefangene, alle der Pforte zu. Und dort stand er. Ein riesiger Rotarmist mit Lammfellmütze und Maschinenpistole stand auf dem Hof, schrie und winkte. Der Feind? Der Befreier!"

So steht es im "Memorial" in Sätzen, die treffen wie Hammerschläge, noch unter der endlich befreiten Spannung jener Tage niedergeschrieben; das Buch vereint Notizen, die in der Haft auf Packpapier gekritzelt wurden, Impressionen der Freiheit, mit Skizzen, die das Schicksal des KZ-Häftlings beschwören, so war ein erschütterndes Dokument entstanden, geschrieben in einem Stil, der leuchtete vor Wahrhaftigkeit, da saß jedes Wort.

"Es war eine kellerbleiche, elende Wiese, über die der Sturm ging, der Sturm des Jubels, der Kreisel bildete und die weißen Halme der Wiese schräg nach unten wehte, dorthin, wo es hinausging.

Und dann standen auf einmal zwei sowjetische Soldaten mit Pelzmützen auf dem leeren Zuchthaushof, feuerten ihre Maschinenpistolen in die Luft und schrien laut: ‚Wojna ... kaputt!‘

Dann winkten sie lachend mit breiter Gebärde den Häusern zu, als lüden sie zum Gastmahl. Wir überrannten unsere entsetzensbleichen Wachtposten und trampelten dröhnend die finsteren Wendeltreppen aus Eisen hinab, eine kreisrund nach unten vorstoßende Schlange von Männern, in Zuchthauslumpen gekleidet, eine Schlange mit giftigem Gebiß und vorgestrecktem Kopf, dem Inferno entrinnend."

Das ist die Sprache des neuen Buches, eines zweiten Memorial. Beide Vorgänge mögen wahr sein, doch unterscheiden sich die beiden Schilderungen voneinander wie eine Metallmünze von einer Spielmarke aus Kunststoff: was im "Memorial" knapp und prägnant formuliert war, zerläuft nun in wortreichen Bildern – unbegreiflich, daß Weisenborn in dem Bestreben, mit dem formalen Prinzip des "Memorial" ein neues Buch aufzubauen, einige bereits gültig ausgesagte Vorgänge neu sagen zu müssen glaubt.