Von Ulrich Gregor

keinmal im Jahr haben auch die Ostdeutschen

ihr Filmfestival: die internationale Doku-

mentar- und Kurzfilmwoche", die nunmehr schon zum siebenten Male in den Mauern der Messestadt Leipzig stattfand. Das Leipziger Festival erfreut sich auch in der Bundesrepublik einer sichtbaren Beliebtheit. 119 Gäste aus der Bundesrepublik und aus Westberlin waren diesmal anwesend, wenn man nach den Teilnehmerlisten geht.

Das liegt nicht nur daran, daß Leipzig einen Einblick in die Kurzfilmproduktion der östlichen Länder vermittelt (das tut Oberhausen auch). Vielmehr möchte man von westdeutscher Seite die spärlichen, wenngleich in letzter Zeit angestiegenen Möglichkeiten des Kontakts und der Diskussion mit ostdeutschen Filmkritikern, -Wissenschaftlern und Regisseuren ausnutzen. Die von Propagandapathos relativ unbelastete Atmosphäre in Leipzig schafft dazu gute Möglichkeiten, und die Organisatoren (der Ostberliner "Club der Filmschaffenden") geben sich alle Mühe, in fast ununterbrochener Folge westostdeutsche Treffen, Diskussionen, Pressekonferenzen und Ausspracheabende zu veranstalten. Bei Gesprächen im kleinen Kreis kommt dabei so manche Annäherung heraus.

Freilich gibt es auch Überraschungen: So kann es dem westdeutschen Gast passieren, daß er sich plötzlich in politische Grundsatzdiskussionen mit prominenten Gesprächspartnern verstrickt sieht. Im großen und ganzen aber muß man den Gastgebern attestieren, daß sie ihrem Festival kein aufdringliches politisches Konzept überstülpen. Zwar rückt der Vorspann der Festivalveranstaltungen die DDR-Fahne in den Mittelpunkt (auch Rednerpulte sind mit ihr umwunden), und das ohnehin überladene und bis zum letzten Moment abgeänderte Festspielprogramm ist mit einer Anzahl von Filmen belastet, die man wohl nur aus "Anstand" zeigt, etwa ein rührseliges Epos über die Geschichte der "Humanité" (es wurde ausgepfiffen), eine indifferente Reportage über den Tod Togliattis und rhetorische Berichte über den Aufbau des algerischen Sozialismus.

Wenn aber andererseits den fleißigen Dolmetschern, die jeden Film durch eingesprochene Texte übersetzen, ein fataler politischer Ausrutscher unterlief, so wurde der später in geradezu feierlicher Form wieder zurückgenommen. So geschah es bei dem polnischen Dokumentarfilm "Das Tagebuch des Gestapomannes Schmidt", der auf dem pedantisch gründlichen, makabren Photoalbum eines deutschen Gestapobüttels basiert. Der Originaltext des Films endet mit den Worten: "Und vielleicht fährt Gestapomann Schmidt heute mit einem Mercedes im Ausland umher." Die Leipziger Dolmetscher setzten hinzu: "Und vielleicht ist er Mitglied der CDU!" Nun, diesen "Übersetzungsfehler" führte man auf ein Manuskript des ostdeutschen Fernsehens zurück, das man irrtümlich zur Grundlage der Übersetzung gemacht habe ... In der Wiederholungsvorstellung wurde der polnische Originaltext korrekt wiedergegeben.