Treibt der Westen auf eine zweite "EWG-Krise" zu? Die Anzeichen mehren sich. Allenthalben ist die Verwirrung groß, und die Nervosität wächst. Die multilaterale Atomflotte, die MLF, ist zwar noch nicht havariert, aber es sieht so aus, als sei sie im atlantischen Nebel steckengeblieben.

Der Nebel war künstlich; die Nebelwerfer standen in ganz verschiedenen Richtungen. Aus Straßburg schoß Charles de Gaulle, der sich bemühte, die MLF von ihrem Kurs in Richtung auf die integrierte atlantische Partnerschaft abzubringen. Aus London schoß Harold Wilson, der vor dem Unterhaus viel redete, aber nichts sagte, was hätte Klarheit schaffen können.

Charles de Gaulle weiß dabei genau, was er tut. Er erkennt in der MLF das, was sie sein soll: ein Instrument, Amerika und Europa für die Zukunft fester miteinander zu verklammern. Das widerspricht seiner eigenen Politik, die ja umgekehrt das Ziel hat, die Bindung Europas an die Vereinigten Staaten zu lockern. Deshalb ließ er im Oktober, als es den Anschein hatte, es könnte aus den MLF-Plänen wirklich etwas werden, plötzlich – nach 22 Monaten des Desinteressements – aus allen Rohren gegen die MLF feuern.

Vor vierzehn Tagen lehnte es der französische Vertreter im WEU-Verteidigungsausschuß ab, einer Empfehlung zuzustimmen, daß jene Regierungen, die an der gemeinsamen Atomflotte nicht teilnehmen wollen, sich verpflichten, ihr wenigstens keine Hindernisse in den Weg zu legen. Und seinem Besucher Adenauer soll de Gaulle klipp und klar gesagt haben, die Beteiligung der Bundesrepublik an der MLF stelle einen Bruch des deutsch-französischen Vertrages dar. Pompidou ließ seinerseits keinen Zweifel: eine unabhängige europäische Verteidigung heißt eine Verteidigung ohne Amerika, an dessen Stelle Frankreich die atomare Sicherheitsgarantie übernehmen möchte.

Eben diese Art von europäischer Unabhängigkeit pries de Gaulle in Straßburg noch einmal an. Sein Hinweis auf den deutsch-französischen Vertrag – wie ihn die Regierungen unterzeichnet haben: "ohne Einschränkung, ohne Präambel" – verdeutlichte aufs neue seine Ablehnung jeglicher atlantischer Integration. Sie hält er für die Erzsünde schlechthin, für die Abdankung Europas.

Beschwörend appellierte der französische Staatspräsident in Straßburg an die Deutschen, mitzuhelfen, ein "europäisches Europa" zu schaffen und eine europäische Verteidigungsorganisation zu errichten. Hat er damit eine europäische Abschreckungsmacht gemeint? Sie ist gelegentlich schon von den Franzosen vage in Aussicht gestellt worden, doch niemals mit Überzeugungskraft. Der Widerspruch zwischen der Forderung nach Unabhängigkeit, nach ausschließlich nationaler Verfügungsgewalt über Atomwaffen (wie sie zuletzt noch einmal in der Wehrvorlage unmißverständlich erhoben wurde) und dem Bild einer europäischen Atommacht ist flagrant – wie ja überhaupt die Zukunftsvorstellung einer "Weltmacht Europa" und das Beharren auf dem Ordnungsmuster "Europa der Staaten" politisch unvereinbar sind.

Es ist schwer zu sehen, wie die fundamentalen Differenzen ausgeräumt werden könnten. Die Bundesregierung wird in der Sache hart bleiben müssen. Allerdings: Sie sollte auch nichts unversucht lassen, um herauszufinden, ob in den Straßburger Orakelsätzen nicht doch Ansatzpunkte für ein Gespräch liegen. Dies Alibi ist sie der Geschichte schuldig; der Schwarze Peter darf, wenn es schon zum Eklat kommen sollte, nicht an den Deutschen hängenbleiben.