Von Petra Kipphoff

Folgendes trägt sich zu: Horace Austin Warren Tabor. Mann um die fünfzig, früher, zur Zeit des großen Goldrausches Minenarbeiter und Goldgräber, sitzt jetzt im gottverlassenen Leadville, Colorado, in seiner Blockhütte, die gleichzeitig Post-Office, Kramladen, und Wirtsstube für dieses Nest ist. Hier kocht "Lady" Tabor ihre berühmten Bohnen, hier treffen sich die trüben und hellen Gestalten der Umgebung. Und plötzlich, als zwei ausgehungerte deutsche Abenteurer in die Bude geschneit kommen und Tabor einen Brocken erzhaltiges Gestein auf den Tisch werfen, da juckt es ihn wieder, da kauft er den beiden gegen eine Gallone Whisky und Knochen für ihren Köter zwei Drittel Anteile des Claim ab. Die Mine ist fündig. Tabor wird reich, kann die Bruchbude gegen ein elegantes Haus eintauschen, rülpst ob des vielen Champagners, den er trinkt, hält sich eine blonde Freundin. Der Scheitelpunkt ist erreicht, der Fall beginnt: von dem Gauner-Ehemann der Blonden wird er erpreßt, sein Vermögen ist, ehe er sich‘, versieht, dahin, er kehrt zurück zum Ausgangspunkt, der Bruchbude inmitten anderer Bruchbuden. Ein großes Mahl fetter Bohnen beendet dieses Leben; er stirbt, umgeben von seinen beiden Frauen, die trotz allem zu ihm gehalten haben.

Das ist, in groben Umrissen, der Inhalt von Carl Zuckmayers jüngstem, am 18. November in Zürich uraufgeführtem Stück "Da" Leben des Horace A. W. Tabor". Ein Stück, in dem lebhaft agiert wird; man pokert, säuft, schlingt Essen hinunter, befördert unsympathische Menschen mit einem Fußtritt aus der guten Stube, erntet ein Loch in der Hand, wenn man sie in Gegenwart des schießfreudigen Sheriff nicht schnell genug wegzieht, redet, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen (die Frauen nicht ausgeschlossen). Es riecht nach Whisky, Draufgängertum, harten Männern, Lady’s Bohnen. Abenteurergeht, eben nach einem Goldgräbernest, nach Leadville, Colorado, im Jahre 1879,

Ein Stück also, das in seiner dramatischen Technik realistisch, in seinem Thema (zumindest von der deutsch-schweizerischen Gegenwart aus gesehen) exotisch zu nennen ist. Ein Stück also, von dem daher manche Leute meinen, daß es so etwas heute mehr mehr geben kann und darf. Um einen von ihnen, nämlich Friedrich Luft, zu zitieren: "Geht das heute noch? Kann man so dick und deutlich für die Szene schreiben? Wird der Versuch mit der offenbaren Einfalt können zu einer Zeit, da die Szene sonst vor Komplexität surrt, da schon jeder Wildwestfilm heute gegen solche vorgefaßt dramatische Klar-Schritt wie ein raffiniertes, dramaturgisches Bubenstück erscheint? Es geht, leider, nicht gut."

Luft weiß dafür manchen mit dem Stück und der Zürcher Aufführung zusammenhängenden Grund zu nennen. Was aber dahinter steht, ist letztlich doch dies: Man kann nach Beckert und Ionesco keine theatralischen Mittel mehr bemühen, die aus der Zeit des seligen Realismus stammen. Und der zweite Einwand: Man kann nach zwei Weltkriegen, Auschwitz und der Mauer kein Stück schreiben, das in Goldgräberzeiten spielt.

"Das Leben des Horace A. W. Tabor" hat den Untertitel "ein Stück aus den letzten Tagen der Könige", denn, so schreibt Zuckmayer im Programmheft, "für Männer wie Tabor waren Glück, Macht, Reichtum und Größe zutiefst noch magischen Ursprungs". Das Stück spielt, wie es in der Vornotiz des Theatermanuskriptes heißt, in der "Zeit der großen Improvisationen", der "Welt der unerhörten Glücksfälle, der enormen Verluste". "Rasch wandelbar", so schreibt Zuckmayer weiter, "sei das Dekor, bei aller Realität der Gestalten auf suggestive Andeutung beschränkt." Als eine Fee im Raimundschen Sinne, eine Märchenfigur, bezeichnet er den Glück und Unglück anzeigenden stummen Indianer.

Wenn man das alles addiert, so ergibt sich, daß Zuckmayer ein märchenhaftes Parabelstück im Sinne hatte, ein Stück vom Aufstieg und Fall des reichen Mannes, wie etwa auch Hofmannsthal es in seinem "jedermann" geschrieben hat.