Der 20. November war ein "schwarzer Freitag" für das Konzil: Papst Paul VI. stellte sich zum ersten Male offen gegen die große, liberal gesinnte Mehrheit der Konzilsväter. Er billigte eine Entscheidung des Konzilspräsidiums, das die Abstimmung über das Dokument zur Religionsfreiheit bis zur nächsten und letzten Konzilsitzung – viele fürchten: bis zum St. Nimmerleinstag – vertagt hatte.

Die Konzilsväter entfesselten einen Tumult, als am Vortage Kardinal Tisserant die Präsidialentscheidung verkündete. Am meisten verärgerte Tisserant die amerikanischen Bischöfe, die das Dokument unbedingt schon jetzt zu Hause vorzeigen wollten. Kardinal Meyer von Chicago (einst Bischof der Deutsch-Amerikaner in Milwaukee): "Dieser Mann ist ein hoffnungsloser Fall." Im Nu entwarfen die Amerikaner eine dringliche Bittschrift an den Papst. 1400 von 2000 Konzilsväter unterschrieben, aber der Papst blieb ungerührt.

Formal waren Papst und Präsidium im Recht. Nicht alle Konzilsväter hatten Zeit gehabt, den in der Substanz abgeänderten Entwurf noch vor der Abstimmung zu studieren. Erst zwei Tage zuvor war ihnen das Dokument ausgehändigt worden, obschon es in der neuen Fassung seit einem Monat vorlag. Es war bei einer Kommission hängen geblieben, die, so heißt es, von "konservativen" Kräften beherrscht wird. Gegner des Dokuments sollen Bischöfe aus Italien und Spanien sein, wo die katholische Kirche tonangebend ist.

In dem Dokument wird den Menschen die Freiheit zugestanden, in Fragen des Glaubens ihrem Gewissen zu folgen. Als einst Martin Luther diese Freiheit für sich beanspruchte, geriet er mit Papst und Kaiser in schweren Konflikt. Fast 450 Jahre nach der Reformation erfaßte der Geist der Reform auch das Zweite Vatikanische Konzil. Minutenlangen Beifall erntete der sprachgewaltige Bischof von Brügge, de Smedt, als er das umstrittene Thema verteidigte: "Ein Staat muß die Religionsfreiheit aller seiner Bürger – ich wiederhole: aller – anerkennen."

Nach der Niederlage der Bischöfe war in Rom die besorgte Frage uu hören: Wo steht der Papst? Noch in zwei anderen Fällen entschied Paul VI. gegen die fortschrittliche Mehrheit und eher im Sinne der traditionalistisch beharrenden Kräfte, die in der Kurie noch mitzureden haben:

  • Im Schema über die Christliche Einheit fügte er nach der erster. Abstimmung noch zwanzig eigenhändige Korrekturen ein, von denen eine die nichtkatholischen Beobachter enttäuschte. Es ließ nun nicht mehr, Protestanten und Orthodoxe "fänden", sondern "suchten" Gottes Gnade in der Schrift.
  • Am Samstag, in der Schlußmesse des Konzils, proklamierte der Papst von sich aus Maria feierlich als "Mutter der Kirche", obwohl das Konzil über die Verehrung der Gottesmutter nur nüchtern referiert hatte. Ungeachtet der protestantischen Abneigung gegen die Marienverehrung erkläre er: "Wir wünschen, daß die Jungfrau von nun an von allen Christen noch mehr verehrt und angerufen wird."

Mit seinen Handlungen hat Paul VI. trotz der neuverkündeten Kollegialität mit den Bischöfen seine ganze päpstliche Autorität beansprucht und durchgesetzt. Doch die Reformer hoffen auf den Sieg des Fortschritts. Kardinal Döpfner, einer der vier Moderatoren des Konzils, ist bei all seiner Enttäuschung überzeugt, daß in der vierten Session auch das Dekret über die Religionsfreiheit verabschiedet wird.