Berlin, im November

Unter dem Schutz des kommunistisch gelenkten Nationalrats der nationalen Front trafen sich in der vergangenen Woche 140 Katholiken aus zwölf verschiedenen Ländern in Ostberlin. Die Losung der Konferenz hieß "Friedensdienst der Katholiken" – aber unter den Teilnehmern befand sich kein einziger katholischer Würdenträger aus Mitteldeutschland, nicht einmal ein naiver Dorfpfarrer aus der Provinz. Es war daher auch kein Priester da, der für die Konferenzteilnehmer eine eigene Messe gelesen hätte; sie mußten also zur regulären Acht-Uhr-Messe in St. Petri gehen. Was hatte die Katholiken veranlaßt, diesem Friedensdienst zu mißtrauen?

Der Dresdener Generalmusikdirektor Professor Dr. Rudolf Neuhaus und später das Neues Deutschland gaben die dazu notwendige Erklärung. Neuhaus, dessen lautere Gesinnung allerorten bescheinigt wird, hielt das Hauptreferat, doch stammt dessen Text offensichtlich von einem gewandten SED-Autor. Stilproben: "Am längeren Hebelarm saßen die kriegslüsternen, imperialistischen Kräfte"... Oder: "Heute ist es umgekehrt: Das Bestehen des von der Sowjetunion geführten Friedenslagers .. gehört ebenfalls zur Liturgie, die auf SED-Parteitagen verlesen wird. Und die Grundidee: Zitiere ein paar Stellen aus Appellen der Päpste Johannes XIII. und Pauls VI. und schließe daraus vorwiegend auf eine Verurteilung der MLF...

Diese kurzgeschlossene Logik fand ihren Niederschlag auch in einem Grußtelegramm an Kardinal Bengsch. Darin steht, "daß die verstärkte Teilnahme von Katholiken an der Durchsetzung der Friedensmahnungen von Johannes XXIII. und Paul VI. gerade in unseren Zeiten wegen der Gefahr einer weiteren Verbreitung der Atomwaffen von besonderer Bedeutung ist".

An Stelle der mitteldeutschen Katholiken wartete die Konferenz mit oftgenannten Persönlichkeiten aus anderen Ländern auf, beispielsweise mit den Professoren Andrea Gaggero und Jean Boulier, beide – allerdings suspendierte – Priester. Gaggero erhielt im Jahre 1954 gemeinsam mit dem amerikanischen Schriftsteller Howard fast den Stalin-Preis; Boulier war früher einmal am Institut Catholique tätig und hat, als er dort seine Zelte abbrechen mußte, den Professorentitel mitgenommen. Aus Westdeutschland sandte Heinrich Böll der Versammlung, wie die "Neue Zeit" berichtete, herzliche Grüße.

Die Tagung in Ostberlin bestätigte die schon seit geraumer Zeit offenbar gewordene neue Haltung der Kommunisten gegenüber dem Katholizismus. Vor Jahren noch galt die katholische Kirche als ein gefährlicher Gegner, der auf deutschem Boden seine weltliche Verkörperung in der Bundesregierung gefunden hätte. Jetzt bietet die veränderte Weltlage und auch eine nuanciertere Haltung der Kurie den DDR-Kommunisten Gelegenheit, ihre Taktik einer Revision zu unterziehen. Sie verzichten auf frontale Angriffe und werfen sich statt dessen auf einen Versuch der Unterwanderung. Er hat bei den Geistlichen keinen Erfolg, doch hoffen die Kommunisten auf Wirkung beim katholischen Laienvolk.

Den Startschuß für dieses Unterwanderungsunternehmen hatte Anfang Oktober der elfte Parteitag der Ost-CDU in Erfurt gegeben. Dort beschäftigten sich die Führungsgremien mit dem Widerstand aus kirchlichen, und ganz im besonderen aus katholischen Kreisen. In der "kirchenpolitischen Aussage" des Parteitages hieß es dann: "Von ganz besonderer Bedeutung für die künftige Arbeit unserer Partei wird die Verstärkung ihres Einflusses auf die katholischen Gemeinden sein." Weiter hieß es in der "Kirchenpolitischen Aussage": "Unsere Partei wird kräftigere Anstrengungen als bisher unternehmen müssen, um die Reserve vieler katholischer Priester, die in deutlichem Widerspruch zum gesellschaftlichen Engagement unzähliger katholischer Gemeindemitglieder steht, in eine vertrauensvolle Aufgeschlossenheit zu verwandeln."

René Bayer