Von Josef Müller-Marein

Der allgemeine Eindruck ist, daß die dritte Periode des Zweiten Vatikanischen Konzils in einer etwas zwielichtigen Atmosphäre zu Ende gegangen sei. In der Tat: War es je denkbar, daß Hunderte von Kirchenfürsten auf die Pulte schlagen, erregt von den Plätzen sich erheben, gruppenweise zusammentreten und schließlich mit fliegender Hast eine Petition an den Papst – "dringend, dringender, am dringlichsten" – entwerfen und unterzeichnen würden? Dies Undenkbare jedoch geschah in der Aula des Konzils. Es handelte sich um die "Erklärung zur Religionsfreiheit", deren wesentlicher Teil in der Frage besteht, ob das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche gut oder schlecht sei. Die empörten Konzilsväter, denen die "Religionsfreiheit" am Herzen liegt, wurden tief enttäuscht.

Noch jeder sieht die Sorgen falsch, von denen die Konzilsväter geplagt sind, sobald er die katholischen Reform-Ideen einzig und allein aus der Perspektive jener Besorgnisse sieht, wie sie sich dem Betrachter im eigenen Lande darstellen. So ist in Deutschland, in Amerika das Prinzip der "Trennung von Staat und Kirche" kein Problem mehr, das die Geister erregt. Anders in Italien, in Spanien. Hier müßte die Verkündigung der Religionsfreiheit geradezu revolutionierend wirken – sowohl für das kirchliche wie für das staatliche Leben. Für die Kirche aber geht es darum, in weltweitem Rahmen viele naturgemäß widerstrebende Kräfte auszubalancieren. Das ist nicht leicht. Doch wesentlich ist bei alledem, wie deutlich sich in den drei bisherigen Sessionen des Vatikanums zwei "Fronten" herausgestellt haben: Hie Progressisten, wenn man sie so nennen soll, dort die Konservativen. Diese "Konservativen" haben ihre Burgen in Rom, speziell in der Curie die seit Jahrhunderten mehr ist als ein bloßer päpstlicher Verwaltungsapparat.

Nun aber sind die "Progressisten" im Angriff gegen die "konservative" feste Burg der Curie, die nicht nur verwaltete, sondern regierte. Sie war und ist durch das römischstrenge Kolorit geprägt. Mit anderen – und leicht übertriebenen – Worten: Die gleichwohl ins Internationale wirkende Curie ist mehr römisch als international. Und im Kampf der Geister, wie er auf dem Konzil anhub, trat von Anfang an der Wille zutage, die "kalte" Allmacht der Curie gründlich und grundsätzlich einzuschränken. Dies zeigte sich noch einmal in dramatischer Form, als sich in der Diskussion um die "Religionsfreiheit" schließlich herausstellte, wie geschickt die Curie zu "manipulieren" verstand. Sie will die "Religionsfreiheit" ernsthaft nicht. Und so hat sie schließlich die Abstimmung dadurch verhindert, daß sie Verfahrensschwierigkeiten hervorzauberte. Und dies mit Erfolg. Zwar wehrten die "Progressisten" sich leidenschaftlich. Aber die Diskussion wurde dennoch vertagt – auf die vierte Session, die Ende 1965 oder Anfang 1966 beginnen soll. Dann aber wird auch diese Frage behandelt werden. Und es gibt wenig Zweifel, welche Kräfte gewinnen werden. Es werden die "Progressisten" sein: die Geister nach dem Sinne des vorigen Papstes, des Papst Johannes XXIII. Sie sind in der Mehrheit. Und sie gewinnen noch an Gewicht.

Angetreten ist Papst Paul als der Kirchenherrscher, der die Ideen des Johannes weiterführt. Daß er dabei die Curie reformieren werde, wie es die Absicht seines genialen Vorgängers war, hat er zuletzt noch deutlich ausgesprochen. Andererseits aber ist er bestrebt (und vielleicht hätte sich Johannes XXIII. anders verhalten), die "Konservativen" nicht vor den Kopf zu stoßen. Er hat keine Ähnlichkeit mit Johannes, der ihn liebte, aber ihn einmal als eine "Hamlet-Figur" bezeichnete. Er ähnelt dem umstrittenen Papst Pius XII. darin, daß er, der selber jahrzehntelang im Zentralorgan der Curie tätig war, eine diplomatische Natur ist. Dies scheint beispielsweise auch die Erklärung dafür zu sein, daß er, der keineswegs als Befürworter eines "Marien-Dogmas" auftrat (das die Protestanten verstimmen würde, zu denen Kontakt gefunden zu haben, eine der großen Leistungen des Konzils ist), nach Abschluß der dritten Session in feierlichem Gottesdienst und quasi persönlich die Madonna als "Mutter der Kirche" proklamierte, wie es den "Konservativen" angelegen war. Seither sprechen einige Beobachter davon, der gegenwärtige Papst sei ein Mann, der sich hüte oder fürchte, Entscheidungen zu treffen. Nichts ist falscher als dies. Vielleicht, daß er zögert. Schließlich aber weiß er, was er will.

Und niemand wird leugnen dürfen, daß mit seiner Hilfe die dritte Periode des Vatikanischen Konzils entscheidende Fortschritte gebracht hat. Es mag dabei zumal den deutschen, französischen und belgischen Katholiken ein großer Stolz sein, daß besonders ihre Kardinäle und Bischöfe mit Leidenschaft und Weitblick erfolgreich am Werke waren: moderne Persönlichkeiten, ob es sich um den jungen Döpfner aus München oder um den alten Frings aus Köln handelt. Ihr besonderer Eifer galt dem Prinzip der "Kollegialität".

Diese Anerkenntnis der "Kollegialität", nach dem fortan die Kirche in Gemeinsamkeit vom "römischen Bischof" und den Bischöfen im Welt- und regiert wird, kommt nachgerade einer Resolution gleich – nicht bloß deshalb, weil damit vermutlich der entscheidende Schlag gegen die allzu strenge, allzu starre Curie geführt wird. Zwar hat Papst Paul – diplomatisch wie eh und je – in seiner Ansprache zur Verabschiedung der Konzilsväter nicht ausdrücklich von einem "Rat der Bischöfe" gesprochen, welcher zukünftig ihm zur Seite und der Curie entgegengestellt werden soll. Aber praktisch läuft es auf dasselbe hinaus. Denn wie sollte es anders zu verstehen sein, daß er ankündigte, er werde in den "gegebenen Augenblicken" die jeweils "sachlich auszuwählenden" Bischöfe um sich versammeln, damit er von ihrer Erfahrung, ihrem Rat und dem Gewicht ihrer Autorität Unterstützung erhalte?