Das Neue Deutschland jubelte am 5. November 1964: "So etwas hatte es nach dem Krieg in München noch nicht gegeben: Innerhalb einer einzigen Woche lasen vier Lyriker und zwei Schriftsteller aus der DDR in Bayerns Landeshauptstadt, wurde der Film ‚Der geteilte Himmel‘ gezeigt und über ihn diskutiert, fanden sich 30 Filmschaffende aus beiden deutschen Staaten zu einer dreitägigen Diskussion ... zusammen."

In München habe man schon von einer "Woche der DDR-Kultur" gesprochen. "Nun sollte man allerdings nicht meinen", fügte das Neue Deutschland hinzu, "daß mit den vielen Gesprächen Zwischen den Kulturschaffenden aus der Bundesrepublik und der DDR bereits der Frühling der kulturellen Verständigung zwischen den beiden deutschen Staaten eingezogen ist." Denn es gebe noch "genügend offizielle Eisbarrieren", an denen, versteht sich, die Bonner Behörden schuld seien.

Tatsächlich sind seit mindestens zwei Monaten Besuche von "Kulturschaffenden" aus der DDR an der Tagesordnung. Schriftsteller, die jenseits der Elbe leben, lesen aus ihren Büchern und nehmen an öffentlichen Diskussionen teil. In vielen Städten der Bundesrepublik treten Theaterensembles, Orchester und Solisten aus der DDR auf. Gelegentlich – übrigens noch ziemlich selten – werden Filme der DEFA vorgeführt. Für die nächsten Monate sind zahlreiche weitere Veranstaltungen geplant.

Warum können die Künstler und Schriftsteller aus der DDR, die doch im vorangegangenen Jahr hier nur sehr selten zu sehen waren, jetzt kommen? Was hat sich ereignet, was ist davon zu halten?

Bei den Berliner Passierschein-Vereinbarungen stehen sich Verhandlungspartner gegenüber: dort die Behörden der DDR, hier der Westberliner Senat. In Sachen Kunst und Kultur kann von einer auch nur annähernd vergleichbaren Situation nicht die Rede sein.

Wie jeder andere in der DDR wohnende Bürger muß auch jeder Künstler oder Schriftsteller, der die Bundesrepublik besucht, hierzu die Genehmigung der zuständigen DDR – Behörden haben. Auf diese Weise hängt es von der Entscheidung einer dortigen zentralen Instanz ab, ob ein Schriftsteller oder ein Pianist oder ein Orchester oder ein Theaterensemble hier auftreten.

Hängt dies auch von einer hiesigen Instanz ab? Nein. Denn jede Studentenorganisation, Arbeitsgemeinschaft oder Buchhandlung, jeder Verein oder Klub kann einen Vortrag, eine Lesung oder eine Diskussion veranstalten. Ein Intendant kann Theater-Gastspiele ausmachen, ein Impresario Konzerte organisieren. Eine Instanz, die diese Betätigung regeln und koordinieren würde, ist hierzulande nicht vorhanden. Glücklicherweise.