Günter Gaus: Zur Person; Feder Verlag, München; 288 Seiten, 24,80 DM.

Das Zweite Fernsehen hat einen Journalisten zu zwölf Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens geschickt und sie ausfragen lassen. Das Ergebnis liegt nun in Buchform vor. Natürlich erreicht das gedruckte Wort nicht die unmittelbare Faszination, die im Fernsehen durch die Verbindung von gesprochenem Wort und Bild geschaffen worden war. Aber auch das Buch hat eine starke und nachhaltige Wirkung. Es steht keine langweilige Zeile darin. Selbst die – nicht allzu vielen – leeren Stellen haben ihren Sinn, weil sie zum Charakterbild der Persönlichkeiten gehören, die Gaus befragt hat.

Das ist der stärkste Gewinn aus der Lektüre: man lernt lebendige Menschen von Bedeutung kennen. Die Befragten sind: Hannah Arendt, Willy Brandt, Otto Brenner, Thomas Dehler, Sefton Delmer, Ludwig Erhard, Eugen Gerstenmaier, Erich Mende, Martin Niemöller, Franz Josef Strauß, Edward Teller, Herbert Wehner. Nicht etwa die plumpe Methode einer unmittelbaren, vom Autor ausgesprochenen Charakterisierung vermittelt diese Kenntnis. Die Befragten, durch Gaus verlockt, offenbaren mit ihren eigenen Worten, wie sie sind. Damit gewinnt das Buch einen höchst eigentümlichen und neuartigen Reiz,

Wenn man "neuartig" sagt, so bezweifelt man natürlich nicht, daß die Zeitungsleute schon lange die Kunst des Interviews pflegen. Aber die Gespräche, die Gaus geführt hat, bedeuten in dieser Gattung einen wichtigen Schritt nach vorn. Die überkommene Form ist weiterentwickelt worden. Man spürt, wie schwer Gaus es sich gemacht hat; nur so ist die scheinbar leicht dahinfließende Form dieser Gespräche möglich. Er hat sich jedesmal auf das gründlichste vorbereitet,, er kennt das Leben, die Schriften, die Familienverhältnisse, die politischen Meinungen des Befragten seines Gegenübers. Von so sicherem Besitz aus kann er darangehen zu fragen. (Alte Weisheit für den Journalisten: nur dem öffnen sich die Herzen des Befragten, der sichtbar machen kann, daß er von den Dingen etwas versteht und den Partner auf neue Wege des Nachdenkens führt.) Und Gaus bohrt, er will es genau und immer noch genauer wissen, und schließlich erfahren er und der Leser, was sie vorher kaum ahnen konnten zu erfahren.

Dieses bohrende Fragen geht manchmal über die Grenze des Herkömmlichen. Es ist Sefton Delmer sicherlich kein Vergnügen, in einem gemütlichen Gespräch sich auf einmal in die Lage gebracht zu sehen, in der er der Frage "Sind Sie eitel?" nicht ausweichen kann. Erich Mende muß darüber nachdenken, ob er nicht gekränkt ist, wenn er hört, daß nicht nur er, sondern auch seine Frau sehr ehrgeizig ist. Herbert Wehner muß sich dazu äußern, ob seine weithin bekannte Empfindlichkeit nicht daher rührt, daß er die Erinnerung an seinen Kampf Schulter an Schulter mit Ernst Thälmann vergessen lassen möchte. Franz Josef Strauß muß Gaus (und uns) erzählen, ob er, aus bescheidenem Elternhaus kommend, nicht in Gegenwart des Barons Guttenberg nur deshalb so heftig diskutiert, um zu zeigen: Auch ich bin wer. Niemöller kann dem erbarmungslosen Frager nicht bestreiten, daß er eine Zeitlang .ernsthaft erwogen hat, katholisch zu werden. Und so geht das weiter.

Sehr diskret ist Gaus nicht. Aber wenn man es recht bedenkt, so tut Gaus nichts anderes, als daß er alle die Gesprächsstoffe, über die wir uns im Kreise von Bekannten unterhalten, nun auch dem sozusagen unmittelbar Betroffenen vorführt, also einen hohen Grad von unbekümmerter Ehrlichkeit erreicht.

Übrigens darf man nicht glauben, daß die Befragten in jedem Wort von Leben, Geist und Offenheit sprühten. Es gibt Stellen in den Gesprächen, in denen die Politiker mit unangebrachter Leidenschaft offene Türen einrennen, es finden sich einige Gelegenheiten, erkältet festzustellen, was für eine Allerweltsgewandtheit mancher Berufspolitiker aufbringt, um seine Gedanken zu verbergen (oder zu verbergen, daß er keine Gedanken hat. Wer weiß das?). Man wird den Verdacht nicht los, daß Gaus sein Opfer mit Geduld und leiser Tücke gerade dahin bringt, wo sie sich in ihrer unverbindlichen Gemeinplätzigkeit enthüllen. Wer von sich nicht selber genau weiß, daß er Besonders, vielleicht Krauses, aber doch Eigengewachsenes zu sagen hat, der sei gewarnt. Er läßt sich besser nicht auf ein Gespräch mit Gaus ein.