In Washington wird jetzt, nachdem Präsident Johnson mit großer Mehrheit für die nächsten vier Jahre ins Weiße Haus gewählt wurde, die weltpolitische Lage neu überdacht. In Chequers saß am vergangenen Wochenende der neue englische Premierminister mit seinen engsten Beratern zusammen und legte letzte Hand an das Konzept seiner Außen- und Verteidigungspolitik. In Moskau berät ein neues Führungsgremium darüber, wie mit einem Minimum an Risiko ein Maximum an außenpolitischen Erfolgen sichergestellt werden kann. Und in dem ganzen Bereich zwischen uns und der Sowjetunion wird in allen Hauptstädten – in Warschau, Prag, Budapest, Bukarest und Sofia – überlegt, worauf man wohl schlimmstenfalls gefaßt sein müsse und auf was man bestenfalls wird hoffen können.

Überall also wird in diesen Tagen analysiert, diskutiert, beraten, geplant. Ob man auch in Bonn die Zeiten neu überdenkt? Anlaß dazu wäre wohl gegeben. Die Jahre, da der kalte Krieg ein präzis und klar abgegrenztes Muster für alle abgab: für den Umgang von West mit Ost, von West mit West und Ost mit Ost, diese Jahre sind vorbei. Die Welt ist differenzierter geworden, die Gefahren vielfältiger – aber damit zugleich doch vielleicht auch die Möglichkeiten.

Noch wissen wir nicht, wie die neue Bewertung der weltpolitischen Situation in den verschiedenen Hauptstädten am Ende aussehen wird; und es ist gut möglich, daß es noch lange dauern wird, bis wir uns ein Bild davon machen können. Darum lohnt es sich, heute schon einmal einen tour d’horizont zu unternehmen, um sich eine Vorstellung zu verschaffen von der Richtung, die die Gedanken in den verschiedenen Zentralen nehmen, und von dem Gewicht, das den jeweiligen Interessen zukommt.

Kein Zweifel, daß die Vereinigten Staaten die höchste Priorität der Frage einräumt, wie man die Gefahr der nuklearen Waffen bannen kann. Rüstungskontrolle ist also der wichtigste Gesichtspunkt bei allen Überlegungen in Washington. Man wird ferner davon ausgehen können, daß die USA alles versuchen werden, um durch Entspannung zu einem modus vivendi mit der Sowjetunion zu kommen, wobei man die Interessen der Partner – insbesondere der Bundesrepublik – gewiß im Auge behalten, sie aber wohl kaum zum Ausgangspunkt aller Betrachtungen und Unternehmungen machen wird. Mit anderen Worten: Wir müssen uns selbst um die Deutschlandfrage kümmern.

Die neue Regierung in London muß vor allem darauf bedacht sein, Großbritannien wieder zu einem Faktor im Magnetfeld der Weltpolitik zu machen. Außer jedem Zweifel steht, daß England alles daran setzen wird, seine Politik in engster Anlehnung an die USA zu entwickeln und von der Insel aus, als Pfeiler der Brücke zwischen dem europäischen Festland einerseits und Washington andererseits, die atlantische Partnerschaft zu festigen. Aber: Um die Deutschlandfrage müssen wir uns selbst kümmern.

Im Osten schält sich nach Meinung aller Experten heraus, daß die neue Führung in Moskau außerordentlich vorsichtig operieren dürfte. Anders als Chruschtschow es war, sind die neuen Herren nicht abenteuerlustige, stets neugierige, der Improvisation kundige Führer, sondern bürokratische, quasi-beamtete Verwalter revolutionären Gedankenguts, als dessen Wach- und Schließgesellschafts-Betreuer sie erzogen worden sind. Sie werden also wohl eher auf Konsolidierung bedacht sein, und sie werden versuchen, mit Fleiß und Sorgfalt, ohne Aufsehen und ohne demonstrative Gesten, die Führung in der kommunistischen Welt wieder an sich zu bringen.

Ihre Hauptsorge dabei wird das Verhältnis zu Peking sein, aber nicht minder entscheidend erscheinen ihnen offenbar die Beziehungen zu den USA. Die neuen Führer werden nicht müde zu betonen – Breshnew hat dies gerade wieder vor den Parteichefs aller 15 sowjetischen Unionsrepubliken in Taschkent getan –, daß ihnen die Entspannung ganz besonders am Herzen liegt. Sorgen bereitet dem Kreml das Verhältnis zu den osteuropäischen Staaten, die im Windschatten des russisch-chinesischen Streits ein gut Teil ihres nationalen Selbstbewußtseins zurückgewonnen haben.