Skandale um Sitten

P. S., München

Die Bayern standen eigentlich nie im Verdacht, Puritaner zu sein; andererseits genossen sie auch mehr den Ruf besonderer Originalität in den Künsten der Liebe. Sie waren, legt man heutige Ansprüche zugrunde, nicht sonderlich anspruchsvoll; sie nahmen’s halt wie es eben kam. Wenn die Statistik Jahr für Jahr auswies daß in Bayern die meisten außerehelichen Kinder aller bundesrepublikanischen Lander geboren werden, so wurde das wie ein Naturereignis registriert.

Das Bild hat sich heute gewandelt. Die Bayern haben den Sittenskandal entdeckt. Dabei bekommt man südlich der Donau mehr geboten als nördlich davon Ab und zu ist auch etwas Politik mit im Spiel; aber in einigen weiß-blauen Landstrichen kann so etwas das Ansehen des Politikers überhaupt nicht mindern.

Im März 1961 flackerte die Seuche der moralischen Verderbnis in Rosenheim auf. Eines Morgens brachte die Post dem Stadtrat ein Schreiben des Regierungspräsidenten ins Haus, dem zu entnehmen war, daß der sechsunddreißigjährige Oberbürgermeister Herbert Springt seines Dienstes enthoben sei; Ermittlungen wegen "sittlicher Verfehlungen" seien gegen ihn eingeleitet. Irgendwo in einer westdeutschen Stadt war die Polizei auf ein Ehepaar gestoßen, das gegen Bezahlung Aktphotos verschickt hatte. Im Amtszimmer des Rosenheimer OB fand man denn auch prompt Filme und Bilder. Eine hoffnungsvolle politische Karriere war zu Ende, die bayerischen Sozialdemokraten mußten eine hart erkämpfte Bastion räumen.

Doch schon im Herbst desselben Jahres war Passau im bayerischen Osten an der Reihe. Der Drei-Flüsse-Stadt wendiger und einfallsreicher Verleger Johann Evangelist Kapfinger wurde wegen Kuppelei angeklagt und zu Gefängnis – mit Bewahrung – verurteilt. Am 24. Januar 1962 fand das Gericht den Angeklagten Kapfinger für schuldig, im Dezember 1959 Nada Illmann und Edith Berger – die eine war im Verfahren gegen Kapfinger Zeugin, die andere Mitangeklagte – in seiner Privatwohnung veranlaßt zu haben, miteinander Unzucht zu treiben. Man täte den Niederbayern Unrecht, wollte man behaupten, Kapfingers Ansehen habe "im Volk" durch dieses Urteil gelitten. Die Niederbayern fanden es höchstens etwas komisch, daß sich Kapfinger mit Zuschauerfreuden abgab.

Dann registrierte der bayerische Seismograph in Augsburg ein sittliches Erdbeben. Dort wurde der zweiundfunfzigjahrige verheiratete Urologe Dr. Franz Josef Hanssmann verhaftet. Wenn man den Zeitungen trauen darf, dann bahnt sich in Augsburg der größte Sittenskandal seit dem Kriege an. Rund zwanzig Personen sollen darin verwickelt sein. Genau weiß man das alles heute noch nicht. Zwar wurde längst Anklage erhoben, doch der Verteidiger Hanssmanns erwirkte, daß sein Mandant vom Landgericht Augsburg in das Nervenkrankenhaus Gunsburg eingewiesen wurde. Der Rechtsanwalt rechnet offensichtlich damit, die Untersuchung werde ergeben, daß Hanssmann zur Zeit seiner Verfehlungen infolge Drogeneinwirkung nicht im Besitz seiner vollen geistigen Kräfte, also unzurechnungsfähig gewesen sei. Immerhin war Hanssmann schon einmal vor Jahren mit dem Rauschgiftgesetz in Konflikt geraten.

Das "Sündenregister" Hanssmanns könnte einem schwedischen Regisseur als Drehbuch dienen. Nach Ansicht des Staatsanwalts soll der Arzt der Fremdabtreibung, der Verabredung zur Fremdabtreibung, der schweren Kuppelei, der Nötigung zur Unzucht und der Anstiftung zur Sodomie schuldig sein. (Zum letzten Punkt: Der Gerichtsvollzieher stellte eine männliche Dogge sicher.) Hanssmann habe neben dem Honorar für die Abtreibung auch das Einverständnis seiner weiblichen Patienten zu Aktaufnahmen eindeutiger Art verlangt.

Skandale um Sitten

Jedenfalls fand man bei Hanssmann pornographisches Material, auch ein Tonhand, Insgesamt 73 verschiedene Frauen und Mädchen waren abgebildet, 36 davon sollen identifiziert worden sein. Nicht in allen Fällen wurde gegen die Frauen Anklage erhoben. Übrigens beeilte man sich, über die Zeitungen versichern zu lassen, daß es sich bei den Angeklagten keinesfalls um "Prominenz" handle. Augsburgs wahre Prominenz habe mit solchen Dingen nichts zu tun, mit Sodomie schon gar nichts.

Auch beim nächsten bayerischen Sittenskandal wurden die Bürger schnell darüber aufgeklärt, daß die Prominenz nicht betroffen sei. Diesmal kam die beruhigende Versicherung aus Regensberg. Dort hatte sich ein dreiundvierzigjahriger Tankwart mit einer sechzigjahrigen Beraterin zusammengetan und sich des Liebeslebens seiner Mitbürger angenommen. Er organisierte "Arrangements" im Wald, in Wohnungen und Gasthäusern sowie in seiner Tankstelle. Stellten sich natürliche Folgen solchen Lebenswandels ein, dann mußte die ältere Frau eingreifen – gegen eine bescheidene Gebühr von 500 Mark.

Wenn das Wetter warm und sonnig war, traf man sich im Hohengebrachanger Forst. Es wurde getrunken, die Partner wurden ausgetauscht, man tollte im Adamskostüm durch die Busche und spielte Ringelreihen. Nach drei Jahren spielte die Freundin des Tankwarts nicht mehr mit. Der versuchte sie mit -harten Worten, ein bißchen Druck wohl auch, wieder auf Vordermann zu bringen. Da lief sie zu ihrer Mutter und schüttete ihr Herz aus, anschließend auch der Polizei.

Dies war freilich ein harter Schlag, denn das Mädchen war die Hauptattraktion der ganzen Organisation gewesen, der mindestens 15 wohlgelittene Regensburger Geschäftsleute und ein paar verheiratete Frauen angehörten. Sie war vom Tankwart in einem Chambre separée, in einem "Separatl", wie man hierzulande sagt, einquartiert worden. Kam ein gutbekannter Kunde und ließ aufranken, bekam er Skonto besonderer Art. Er wurde ins Separatl gebeten. Als Zuwaag’ sozusagen...