Der Parteivorstand saß wie auf einer Kommandobrücke, dreifach gestaffelt hinter brauner Holztäfelung, in gleißendem Scheinwerferlicht das Triumvirat: Willy Brandt mit unbewegtem Gesicht, den Blick wie ein Seher ins Imaginäre gerichtet. Herbert Wehner, vertieft in Akten und verbissen an seiner Pfeife saugend, Fritz Erler aufmerksam wie auf dem Sprung, mit funkelnden Brillengläsern. Die SPD steuerte in geschlossenem Verband den Bundestagswahlkampf an.

Von der Stirnwand des Saales, im Halbdunkel schon, blickten zwei Führer der Partei auf ihre Nachfolger herab: Kurt Schumacher, von Leidenschaften ausgeglüht, von Leiden zerfurcht, ein Antlitz aus Vulkangestein herausgewittert, Erich Ollenhauer, rechtschaffen und redlich wie nur je ein braver Sozialdemokrat, zur Heldenpose auch auf riesenhaftem photographischem Konterfei nicht geeignet. Beide, der streitbare politische Prophet und der stille Bewahrer, haben das nicht erreicht, was ihren Nachfolgern nun vor Augen liegt: den Wahlsieg in der Bundesrepublik.

Einen Parteitag der Zuversicht und der Entschlossenheit nannte Willy Brandt das Treffen der Sozialdemokraten in Karlsruhe, und an der Entschlossenheit, den Wählern in der Bundesrepublik die Regierungsbereitschaft und Einigkeit der Partei zu demonstrieren, fehlte es nicht – weder beim Vorstand noch bei den Delegierten.

"Brandt mit Wehner und mit Erler", so lautete die Formel, die der stellvertretende Vorsitzende ausgab. Seine Rede war nach Form und Inhalt eine Regierungserklärung, und auch die Delegierten waren nicht nach Karlsruhe gekommen, um alte Kämpfe noch einmal auszufechten, wie es sonst Brauch auf SPD-Parteitagen war. Sie wünschten auch keine neuen Auseinandersetzungen; sie wollten zeigen, daß ihre Partei auf der Siegesstraße marschiert. Und sie nahmen es in unerschütterlicher sozialdemokratischer Disziplin hin, daß auf dem Parteitag über weite Strecken die Langeweile regierte. "Langeweile", sagte einer der Delegierten, "ist nicht unbedingt ein Nachteil. Es ist gut, daß nichts Spektakuläres geschieht. Jetzt gilt nur ein Gesetz: Geschlossenheit."

In den Arbeitskreisen nur machte sich zuweilen ein leiser Mißmut Luft. Ein Unbehagen an allzu glatten, allzu diplomatischen Formulierungen. Bemängelt wurde, daß die Parteiführung nur eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel unterstützen wolle, getadelt wurde auch, daß das Münchener Abkommen nicht ausdrücklich für Null und nichtig erklärt werde und daß sich die Partei nicht mehr mit dem alten Elan für die Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen zu den osteuropäischen Staaten einsetzt. Es wurde auch kritisch vom gefährlichen Abenteuer der multilateralen Atomstreitmacht gesprochen.

Aber, fast alle Kritik war wie in Watte gepackt. Die Delegierten regten an, gaben zu bedenken, und wenn es hochkam, stellten sie. auch etwas in Frage. Jedermann hütete sich aber, kostbares politisches Porzellan zu zerschlagen. Die Gegner einer Notstandsgesetzgebung, die auf dem Kölner Parteitag noch wortmächtig und gefühlvoll für ihre Ansichten gekämpft hatten, meldeten sich diesmal nicht einmal mehr zur Diskussion. In der SPD ist eine Generation der kleinen Staatsmänner herangewachsen, Politiker, die nicht nur bedenken, was sie sagen, sondern auch, wie sie es sagen und die manchmal kluges Schweigen der bekennenden Rede vorziehen.

Es ist kein Zufall, daß sich die Gästeliste dieses Parteitags wie ein Katalog. der wichtigsten Institutionen und Organisationen der Bundesrepublik liest. Die SPD rief, und alle, alle kamen. Die Gewerkschaften und die Ärzte; die Landsmannschaften und der Zentralrat der Juden, der Sängerbund und der Turnerbund, die Wissenschaftler und die Radfahrer, der Verband der Kriegsbeschädigten und die Bundeswehr. Alle schickten sie ihre Vertreter, nur noch die katholische Kirche und der Bundesverband der Industrie störten durch ihre Abwesenheit. Wer wollte, konnte sich über Frauenarbeit und Verkehrspolitik, über Finanzausgleich und multilaterale Atomstreitmacht gleichermaßen informieren, und wem danach zumute war, konnte sich vom Tonband die Glocken der Heimat vorspielen lassen oder Günter Grass besichtigen, wie er dunkeläugig und mit melancholischem Schnauzbart über seinem Bierglas brütete. Für jeden Geschmack, für jede Richtung war gesorgt.