Über dieses Thema veranstaltete der Internationale PEN-Club Mitte Oktober 1964 in Budapest ein Colloqium. Einführende Thesen formulierte der ungarische Dichter Gyula Illyes. Zu den Diskutierenden gehörten u. a. W. H. Auden, Michel Butor, Franz Theodor Czokor, Konstantin Simonow und der Autor dieses Stückes.

Bereits das Thema unseres Gesprächs erinnert auf gewisse Weise an die Teilung der heutigen Welt: Ziemlich lange sprach man auf einer der beiden Seiten das Wort "Tradition" im herabsetzenden Sinne aus, während auf der anderen Seite der Begriff "Modernität" ernste Bedenken erweckte. So wurden Dichter und Leser Zeugen eines merkwürdigen Schauspiels: Die vorgaben, eine tausendjährige Kultur verteidigen zu müssen, erklärten, jede an irgendeine Tradition gebundene zeitgenössische Dichtung verdiene nicht den Namen Kunst; gleichzeitig zeigten die Erbauer der modernsten Gesellschaft ein gewisses Unbehagen beim Anblick eines modernen Gedichts.

Glücklicherweise beginnt der Horizont sich zu lichten. Die Woge des Kalten Krieges weicht langsam zurück. Der wirkliche Dialog der Intellektuellen tritt an die Stelle dessen, was die Franzosen das Gespräch der Taubstummen nennen. Man muß hoffen, daß dies alles von Dauer ist. Immer deutlicher begreift man, daß wahre Dichter nicht die Uniform fertiger Ideen tragen, was einem nach einem kurzen Blick gestattet, sie bequemerweise einer von zwei großen Herden zuzuordnen, sondern daß die schmerzhaften Kämpfe unserer Epoche für eine menschlichere, für eine poetische Gesellschaft in jedem Gedicht jedes dieser Dichter toben. So erscheinen uns noch jetzt die "Hügel" von Apollinaire wie ein heutiges, wie ein Schlüssel-Gedicht unserer unruhigen Zeit.

Gyula Illyes hat sich hier gegen den "poète maudit" ausgesprochen. Ich begreife seine Beweggründe: Allzu viele Schönschreiber und Ehrgeizlinge, die den Leuten nichts zu sagen haben, verstecken ihre eigene Gleichgültigkeit gegenüber der Gesellschaft und ihre Feigheit hinter einer Bezeichnung, die sie sich selber zulegen, die aber ganz anderen zukommt. Von Apollinaire, der ein Opfer des Ersten Weltkriegs wurde, komme ich geradenwegs zu den großen Dichtern dieses Landes hier: zu Ady und Attila Jozsef, die allzu früh zwischen zwei Kriegen durch die Schuld einer Kriegsgesellschaft starben. Sie wie so viele andere aus fast allen Nationen wurden von einer Gesellschaft ermordet, die der Dichtung einen schlechten Empfang bereitet. Dabei waren diese Dichter Freunde des Menschen und stellten sich in seinen Dienst. Die Scharlatane, die lettristischen Fummler sind von anderer Art. Sie haben kein Recht, ihre armseligen Produkte mit dem Hinweis auf das Opfer von Dichtern zu rechtfertigen, die für die Dichtung kämpften und in diesem Kampf untergingen.

Die Moderne, die Tradition lassen sich weder leugnen noch reglementieren oder vorschreiben. Man kann in bestimmten geschichtlichen Momenten nicht eine gewisse Tradition fortführen, und sei sie noch so wertvoll. Man ist auch nicht notwendigerweise modern, wenn man es mit lauter Stimme proklamiert. Die Dichtung muß menschlich sprechen; sie redet Menschenworte, solange sie sich an ein einziges lebendes Wesen richtet. Auch die komplizierteste Dichtung gehört zum Bereich des Menschen, solange sie begriffen werden will. Was bleibt, poésie gratuite oder wie man es sonst nennen will, ist verratene Dichtung. Aber man sollte sich bei dieser Gelegenheit an ein Wort von Majakowski erinnern, der es komisch fand, daß niemand sich damit brüste, Mathematik oder Französisch nicht zu verstehen, während es gleichzeitig üblich sei, triumphierend festzustellen, man habe dies oder jenes Gedicht nicht verstanden. Dieses Wort Majakowskis ist immerhin schon fünfunddreißig Jahre alt.

Ich halte es für ganz überflüssig, in einen Krieg gegen die "ismen" einzutreten. Das ist etwas für Leute, denen die Literatur für ihre Sandkastenspiele dient, in denen sie Scheinsiege über erfundene Feinde erringen. (Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus.) Ich glaube, man sollte die Literatur natürlicherweise als einen Lesesaal oder ein Laboratorium betrachten. Dort wird nicht viel geredet; man eignet sich Dinge an, man forscht nach Wahrheit. Was die "ismen" angeht, so brauchen Kritiker und Historiker Begriffe, mit denen sie Schulen oder Perioden bezeichnen können. Vor beinahe hundert Jahren wollten einige Pariser Kritiker ein paar Maler, die ihnen mißfielen, kräftig treffen – sie nannten sie verächtlich "Impressionisten". Kein Mensch denkt mehr an diese Episode. Heutzutage gibt es noch hier und da Leute, die die deutschen oder skandinavischen Expressionisten, die französischen und spanischen Kubisten für jugendgefährdend halten. Sie haben gar nicht bemerkt, daß sie von Klassikern reden; daß die optischen und verbalen Neuerungen der Surrealisten längst ins Alltagssehen und Alltagsreden hineingewachsen sind. Denn die wirkliche Moderne, die Avantgarde ohne Anführungsstriche ist nicht das Gegenteil von Tradition, sondern die stiftende Kraft einer neuen Tradition.

Es kommt heute darauf an, weniger von "ismen" zu reden, auf Klischees, überflüssige Polemik, Etiketten, die man quer über die Namen großer Künstler geklebt hat, zu verzichten. Statt dessen sollte man die Arbeiten dieser Künstler lesen und andere dazu anhalten, sie ebenfalls zu lesen.

Der Weg, den die neue Dichtung einschlagen wird, ist schwer zu bestimmen, aber es wird sicherlich der Weg der Wahrheit sein, von der Antonio Gramsci sagte, sie selber sei revolutionär. Die neue Dichtung wird möglicherweise nach dem Wesen des Menschen fragen, sie wird weniger eine abstrakte Menschheit zum Gegenstand haben als vielmehr den konkreten Menschen. Sie wird vielleicht der Dichtung der englischen Metaphysiker des 17. Jahrhunderts verwandt sein. Ich glaube, daß die letzten großen Gedichte Aragons, von den "Poètes" bis zum "Fou d’Elsa", eindrucksvolle Beispiele dieser Tendenz sind.