Von Arianna Giachi

Immer wieder wird die Frage gestellt, ob es überhaupt noch spezifische Mädchenbücher geben muß. Und häufig wird sie gerade von denen verneint, die sich eine qualitätvolle Jugendliteratur wünschen. Diese Ablehnung ist insofern begreiflich, als gerade das deutsche Mädchenbuch unter einer flüchtig modernen Oberflächenpolitur nur zu häufig mit den alten Klischees von Trotzköpfchen und Herzblättchen aufwartet. In solchen Erzählungen sieht es dann so aus, als seien mit der Verlobung alle Probleme auch eines modernen Mädchenlebens gelöst, als dürfe die junge Frau dann am heimischen Herd vergessen, was die Welt draußen bewegt.

Über der Enttäuschung, die solche Bücher bereiten, sollte man indessen nicht vergessen, daß, gerade weil solche Klischees heute weniger denn je der Wirklichkeit entsprechen, junge Mädchen von ihrer Lektüre Antworten auf Fragen erwarten, vor denen sie sonst oft ratlos bleiben – weil diese Fragen zwar einerseits ihr ganz persönliches Leben angehen, andererseits aber mit der sich rapide wandelnden Rolle der Frau in der modernen Gesellschaft zusammenhängen.

Es ist vielleicht kein Zufall, daß ein Buch mit solchen Antworten jetzt aus Israel zu uns kommt

Rusia Lampel: "Der Sommer mit Ora"; Verlag Sauerländer, Aarau/Frankfurt; 301 S., 12,80 DM.

Denn Israel ist ein junges Land ohne eigene Traditionen, und was seine Einwanderer aus aller Welt an Überkommenem mitbringen, muß jeweils auf seine Brauchbarkeit in der neuen Gemeinschaft überprüft werden. Das gilt ganz besonders von den familiären Sitten und von der Stellung der Frau. Selbst ganz junge Menschen wie die sechzehnjährige Ora in diesem Buch können sich deshalb nicht in ihre persönlichen Probleme einspinnen, wenn sie versuchen, ihren eigenen Lebensweg zu finden. Die Frage nach ihrer eigenen Zukunft ist immer auch zugleich die Frage nach der Zukunft des eigenen Volkes.

Das sind freilich für die junge bundesdeutsche Generation ungewohnte Perspektiven. Und eine ältere Generation, die den Mißbrauch der Begriffe Volk und Vaterland erlebt hat, könnte befürchten, daß sich mit ihnen ein falsches Pathos in ein Buch einschleicht. Zum Glück finden solche Befürchtungen hier keine Nahrung. Ora, die ihr Tagebuch schreibt, ist ein ernsthaftes und gescheites, aber noch sehr kindliches Mädchen. Anlaß zum intensiven Nachdenken über sich, ihre Familie und ihr Land bietet ihr vor allem der Besuch der ein wenig jüngeren, aber schon viel erwachseneren Elleanor, deren Eltern aus Israel nach Amerika gegangen sind. Schon allein diese Tatsache der Auswanderung ist für die jungen Sabras, Ora und ihre Geschwister, eine harte Nuß, denn sie erscheint ihnen wie Verrat an Israels guter Sache. Mit entsprechender Voreingenommenheit begegnen sie der eleganten Elleanor, die ihnen auf Pfennigabsätzen und mit hochgetürmter Frisur aus dem Flugzeug entgegenkommt. Rasch aber entsteht in Ora der Wunsch, Elleanor das eigene Dasein verständlich zu machen. Ihr temperamentvoller jüngerer Bruder, dessen Scharfsinn keine Unstimmigkeit entgeht und dessen Selbstbewußtsein vor keiner Attacke zurückschreckt, hilft ihr dabei.